Back to search

Georg-August-Universität Göttingen

Molekularanthropologische Untersuchungen zur präkolumbischen Besiedlungsgeschichte des südlichen Perus am Beispiel der Palpa-Region

Abstract

dc:description

Eine der Grundfragen der Kulturwissenschaften ist, ob und in welcher Dimension kultureller Wandel durch bevölkerungsbiologischen Wandel bedingt oder begleitet wird. Diese Frage ist anhand der verfügbaren Quellen der Archäologie nicht endgültig entscheidbar. Die physische Anthropologie verfügt über analytische Werkzeuge, die den Zugang zu dem einzigen Archiv ermöglichen, das Informationen über die biologische Zusammensetzung einer Bevölkerung enthält: den Menschen. Durch die Aufnahme von ancientDNA Analysen in die anthropologischen Arbeitsmethoden sind diachrone Vergleiche genetischer Bevölkerungsstrukturen und die Klärung der verwandtschaftlichen Beziehungen unter prähistorischen Populationen möglich. Die Einbettung dieser Arbeit in den wissenschaftlichen Rahmen des BMBF-Verbundprojektes: Nasca: Entwicklung und Adaptation archäometrischer Techniken zur Erforschung der Kulturgeschichte ermöglicht es darüber hinaus auf eine Vielzahl kultur- und naturwissenschaftlicher Daten zuzugreifen und die gewonnen Erkenntnisse so im transdisziplinären Dialog in Kulturgeschichte zu übersetzen. Die Palpa-Region an der Südküste Perus ist eine kulturell dynamische Siedlungskammer, in der in einem Zeitraum von ca. 6000 Jahren die Sesshaftwerdung menschlicher Gruppen bis hin zur Entwicklung und dem Untergang komplexer frühstaatlicher Gesellschaften zu beobachten ist. Ziel dieser Studie war es, durch die Untersuchung mitochondrialer genetischer Marker an menschlichen Skelettelementen die diachrone Entwicklung der matrilinearen Populationsdynamik im Untersuchungsgebiet zu rekonstruieren. Darüber hinaus sollte, durch den Vergleich mit genetischen Daten von präkolumbischen und rezenten indigenen südamerikanischen Populationen, die Bevölkerungsgeschichte der Palpa-Region mit der kontinentalen Kolonisationsgeschichte und Bevölkerungsentwicklung Südamerikas kontextualisiert werden. Unter Verwendung der genetischen, archäologischen und umweltgeschichtlichen Daten erfolgte die kulturanthropologische Interpretation und Rekonstruktion der wirkenden Migrationsmechanismen und Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen. Für die Untersuchungen wurden Knochen- und Zahn-Proben von 216 präkolumbischen Individuen aus der Palpa-Region akquiriert. Die Individuen stammen von mehreren, mit präkolumbischen Siedlungen assoziierten Nekropolen, die in verschiedene Zeitstufen datieren. Die DNA-Typisierung erfolgte mit selbst generierten Analysesystemen, für die mitochondriale HVRI und verschiedene SNPs in der codierenden Region, des mitochondrialen Genoms. Darüber hinaus wurden auch Analysesysteme für Y-chromosomale und autosomale Marker entwickelt und angewendet. Die aus den präkolumbischen Individuen erwirtschafteten mitochondrialen Daten wurden genutzt, um populationsgenetische Berechnungen durchzuführen und wurden mit aus der Literatur gesammelten genetischen Daten verglichen. Die Ergebnisse der aDNA-Untersuchungen erlauben eine Rekonstruktion der Bevölkerungsgeschichte des südlichen Perus. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Paracas-Kultur an der südperuanischen Küste eine bevölkerungsbiologische Einheit bildete und nicht, wie von einigen Archäologen postuliert, eine Ansammlung unabhängiger lokaler Gruppen war. Die Nasca-Kultur entwickelte sich bei bevölkerungsbiologischer Kontinuität in der Region. Es lassen sich keine signifikanten allochthonen Bevölkerungseinflüsse, wie z.B. durch Kolonisations- oder Invasionsprozesse nachweisen. Der Vergleich mit anderen genetischen Daten zeigt, dass die Bewohner der präkolumbischen Küste eine homogene Bevölkerung bildeten, die sich genetisch eindeutig vom angrenzenden andinen Hochland unterschied. Mit dem Wandel von einer reinen Subsistenzwirtschaft zu einer komplexeren Wirtschaftsform und der Ausbildung autarker regionaler (urbaner) Zentren in der Nasca-Zeit kommt es zu einem vermehrten genetischen Einfluss von außen, der sich durch die Ansiedlung von Spezialisten, Populationszuwachs und der verstärkte Handel mit anderen Kulturgruppen erklären lässt. Die heute in Peru angetroffene mitochondriale genetische Struktur unterscheidet sich maßgeblich von der, die in der präkolumbischen Palpa-Region nachgewiesen werden konnte. Dieser Unterschied ist durch Expansionen und politische Prozesse späterer andiner Hochkulturen, vor allem der Inka-Kultur, zu erklären, die zu einer genetischen Überprägung weiter Bereiche des westlichen Südamerikas führten. Anhand der in dieser Studie ermittelten genetischen Daten und dem Vergleich mit rezenten Verteilungen kann ein erneuertes Szenario der initialen Kolonisation Südamerikas entworfen werden. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass anhand der Untersuchung alter DNA die Erstellung eines differenzierteren Bildes von Bevölkerungsentwicklungen und prähistorischen Migrationen möglich ist als durch die Analyse rezenter genetischer Daten.

Author and committee

dc:creator, dc:contributor.*
Author dc:creator
  • Fehren-Schmitz, Lars
Contributors dc:contributor
  • Herrmann, Bernd Prof. Dr.
  • Willroth, Karl-Heinz Prof. Dr.

Subjects

dc:subject × 20

Rights

dc:rights
Language dc:language
ger

Identifiers

dc:identifier.*
Identifier
https://dx.doi.org/10.53846/goediss-277
urn:nbn:de:gbv:7-webdoc-1872-2
webdoc-1872
600974359
OAI identifier oai:identifier
oai:ediss.uni-goettingen.de:11858/00-1735-0000-0006-AD06-F

Chain of custody

source
Harvested from
Georg-August-Universität Göttingen
Base URL
ediss.uni-goettingen.de/oai/request
Last updated
2026-07-24
Source record
OAI-PMH GetRecord
citation

Fehren-Schmitz, Lars. Molekularanthropologische Untersuchungen zur präkolumbischen Besiedlungsgeschichte des südlichen Perus am Beispiel der Palpa-Region. 2012. https://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-0006-AD06-F