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Georg-August-Universität Göttingen

Molekulargenetische Verwandtschaftsanalysen am prähistorischen Skelettkollektiv der Lichtensteinhöhle

Abstract

dc:description

Die Prähistorische Anthropologie befasst sich mit den Lebensbedingungen und Lebensweisen der Menschen vergangener Zeiträume. Im Fokus der anthropologischen Forschung liegt dabei die Aufklärung verwandtschaftlicher Beziehungen, da komplexe Sozialstrukturen Einblicke in kulturhistorische Fragestellungen geben können. Der sichere Verwandtschaftsnachweis gelingt in der Anthropologie, seit der Aufnahme von ancientDNA-Analysen in die anthropologischen Arbeitsmethoden.Am Skelettkollektiv aus der Lichtensteinhöhle kann gezeigt werden, wie Ableitungen aus molekulargenetischen Verwandtschaftsanalysen maßgeblich bei der Interpretation von anthropologischen und archäologischen Fragestellungen helfen können. Die Lichtensteinhöhle in Südniedersachsen ist eine der herausragenden bronzezeitlichen Fundplätze Deutschlands. In der Höhle wurden Skelettüberreste gefunden, welche von den Archäologen auf 3000 Jahre datiert werden konnten. Die Skelette befanden sich nicht mehr in ihrem anatomischen Verband, sondern lagen in einem sehr stark dislozierten Zustand vor, was die Zuordnung der Knochenelemente zu einem bestimmten Individuum aus morphologischer Sicht nicht zuließ. Gingen die Archäologen aufgrund der Fundsituation in der Höhle anfangs von einer rituellen Menschenopferstätte aus, schlagen die molekulargenetischen Verwandtschaftsanalysen ein anderes prähistorisches Geschehen vor. In dieser Studie wurden, an vorwiegend cranialen Skelettelementen, d.h. Zähne und Felsenbeinen, umfangreiche DNA-Typisierungen durchgeführt. Diese hatten zum Ziel, die einzelnen Skelette der Lichtensteinhöhle zu individualisieren und einen möglichen verwandtschaftlichen Bezug zwischen ihnen aufzuklären. Für diese Analysen wurden etablierte forensische DNA-Markersysteme untersucht, d.h. autosomale STRs (=genetischer Fingerabdruck), Y-chromosomale STRs (=Y-Haplotypisierung) sowie mitochondriale HVR I und II-Abschnitte (=mt-Haplotypisierung). Die Ergebnisse aus diesen Analysen ergaben eine Mindestindividuenzahl von 40. Innerhalb des Skelettkollektivs konnten zwei Familiengruppen, mit acht und sieben Individuen, nachgewiesen werden, welche sich über drei Generationen erstrecken. In zwei weiteren Fällen wurden sog. Defizienzfälle, d.h. Familien in denen ein Elternteil fehlt, ermittelt. Die Ergebnisse der Y- und mt-Haplotypisierungen, welche familientypische und generationsübergreifende Muster anzeigen, halfen bei der genealogischen Rekonstruktion und verknüpften mehr als die Hälfte der Individuen zu einer Großfamilie. Darüber hinaus ließen sich zwei weitere Kleingruppen identifizieren, deren jeweilige Individuen ebenfalls in einem verwandtschaftlichen Verhältnis, z.B. Geschwister, zueinander stehen. Die Ergebnisse der Verwandtschaftsrekonstruktion legen Nahe, dass die Lichtensteinhöhle als Bestattungsplatz von einem weit verzweigten Familienclan genutzt wurde. Die Authentizität der Ergebnisse wird dabei, durch die Bestimmung des genetischen Fingerabdruckes, auf einem sehr hohen Niveau gesichert. Die ermittelte Verwandtschaftsstruktur der Gruppe gibt darüber hinaus Einblicke in deren soziale Organisation. Es konnte geschlussfolgert werden, dass die Kernfamilie, bestehend aus beiden Elternteilen und Kindern, auch in der Bronzezeit eine herausragende Bedeutung hatte und das für die Sozialgemeinschaft das Verwandtschaftskonzept der kognaten Deszendenz verwirklicht sein sollte. Aus dem direkten Vergleich der Variabilität ihrer maternalen und paternalen Linien konnte ein patrilokales Residenzverhalten der Gruppe bestimmt und damit auf ein patrilokales Heiratssystem geschlossen werden. Zusätzlich konnten Hinweise zur überregionalen Herkunft einzelner Familienlinien, z.B. in einem Fall nach Osteuropa, gefunden werden. In zusätzlichen wissenschaftlichen Projekten sind an weiteren Skelettelementen genetische Fingerabdrücke generiert worden. Die Aufgabe bestand darin, die Skelettelemente den einzelnen Individuen zuzuordnen und somit die topographische Verteilung der Knochen in der Höhle aufzuzeigen, um Hinweise zum prähistorischen Eingang der Höhle und zur zeitlichen Ablagereihenfolge der Toten zu finden. Es konnte geschlussfolgert werden, dass die meisten Individuen ursprünglich im größten Höhlenabschnitt, dem Bernd-Saal, bestattet wurden und anschließend einige Individuen von dort in die hinteren Höhlenabschnitte verlagert wurden. Der ursprüngliche Eingang in die Höhe ist nach dieser Ergebnislage in der Nähe des Bernd-Saals zu vermuten. Des Weiteren sollten hier auch die letzten Leichen niedergelegt worden sein. Die herausragend gute DNA-Erhaltung der 3000 Jahre alten Knochen, die Analysen chromosomaler Marker erlaubt, ermöglichte in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien, die das Skelettkollektiv als herausragendes genetisches Archiv ausweisen. Neben dem immungenetischen Marker CCR5 und dem Zytokin Interleukin-6, wurden Arbeiten zur Laktose(in)toleranz, Mukoviszidose, hereditären Hämochromatose sowie zur molekulargenetischen Blutgruppenbestimmung durchgeführt. Die Zusammenfassung dieser Forschungsarbeiten geben einen Einblick in die Lebensbedingungen dieser prähistorischen Population.

Author and committee

dc:creator, dc:contributor.*
Author dc:creator
  • Schilz, Felix
Contributors dc:contributor
  • Herrmann, Bernd Prof. Dr.
  • Willmann, Rainer Prof. Dr.

Subjects

dc:subject × 24

Rights

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Language dc:language
ger

Identifiers

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Identifier
https://dx.doi.org/10.53846/goediss-638
urn:nbn:de:gbv:7-webdoc-728-9
webdoc-728
573775869
OAI identifier oai:identifier
oai:ediss.uni-goettingen.de:11858/00-1735-0000-0006-ABC1-8

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Georg-August-Universität Göttingen
Base URL
ediss.uni-goettingen.de/oai/request
Last updated
2026-07-24
Source record
OAI-PMH GetRecord
citation

Schilz, Felix. Molekulargenetische Verwandtschaftsanalysen am prähistorischen Skelettkollektiv der Lichtensteinhöhle. 2012. https://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-0006-ABC1-8