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Georg-August-Universität Göttingen

Steroidhormone in bodengelagertem Skelettmaterial

Abstract

dc:description

Die Ursachen des explosionsartigen Bevölkerungsanstiegs im Mitteleuropa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden von Historikern lebhaft diskutiert. Unstrittig ist, dass er zeitgleich mit der Einführung der Kartoffel als Nahrungspflanze zu beobachten ist. Mindestens drei Hypothesen, welche Faktoren dafür ursächlich verantwortlich sind, konkurrieren miteinander: Die erste Hypothese rückt den energetisch deutlich höheren Ertrag des Kartoffel- gegenüber des Getreideanbaus pro nutzbarer Fläche in den Vordergrund; die zweite Hypothese sieht den Rückgang des Skorbut aufgrund des hohen Vitamin-C-Gehaltes der Kartoffel als ursächlich an; die dritte Hypothese formuliert den sinkenden Anteil des Eintrages von Ackerunkraut- und Grassamen sowie des Mutterkorns, und damit schädlicher oder gar abortiv wirkender Substanzen ins Mehl, als fertilitätssteigernd. Die dritte Hypothese, deren Kernpunkt die Suppression der Fertilität durch Nahrungskontaminanten in den historischen Bevölkerungen vor der Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel ist, kann mit den klassischen Methoden der Historischen Demographie nicht geprüft werden, da die verfügbaren Quellen (schriftliche Quellen, archäologisch geborgenes Skelettmaterial) keinen Zugriff auf Parameter der Fertilität bieten. Da aus grundsätzlichen Überlegungen der Nachweis der Nahrungskontaminanten in archäologischem Skelettmaterial nicht möglich erscheint, wurde zur empirischen Untersuchung der Fertilität historischer Bevölkerungen eine endogene Stoffgruppe, die Steroide ausgewählt. Nachdem die grundsätzliche Extrahierbarkeit dotierter Steroide aus archäologischen Knochen und die Bestimmung mit Hilfe der Gaschromatographie/Massenspektrometrie gezeigt werden konnte, wurde das Steroidhormon Estradiol gewählt, da es den größten Informationsgehalt in Bezug auf Fertilitätsparameter bietet, und seine Erhaltung in Knochen aufgrund seiner Funktionen im Knochenstoffwechsel hochwahrscheinlich ist. Estradiol wurde mit aus der Lebensmittelanalytik angepassten Protokollen aus der Knochenmatrix extrahiert, konnte jedoch mittels Gaschromatographie/Massenspektrometrie nicht nachgewiesen werden. Erst der Einsatz der Technik des Radioimmunoassays, die niedrigere Nachweisgrenzen aufweist, erlaubte den Nachweis des Hormons. Dazu wurde zunächst rezentes Sektionsmaterial untersucht, bevor nach erfolgreichen Nachweisen historischer Knochen analysiert wurde, sowie verschiedene Kontrollprobensysteme. Der im Radioimmunoassay verwendete Antikörper kreuzreagiert jedoch mit weiteren Substanzen, mindestens solchen aus dem Boden. In einem Fall konnte Estradiol in den Knochen einer während der Schwangerschaft verstorbenen Frau untersucht wurden, die nicht im Boden bestattet worden war. Die Estradiol-Messwerte lagen hier, wie auch bei rezenten Schwangerschaften festgestellt werden konnte, etwa fünfzehnmal höher als in Knochen nicht während Schwangerschaften Verstorbener. Unter Beachtung aller Randbedingungen kann hier von einem Nachweis indigenen Estradiols aus dem Knochen ausgegangen werden. Die Quantifizierung der Hormone aus archäologischen Knochen erweist sich mit der verwendeten Analysetechnik als sehr eingeschränkt anwendbar. Sie erlaubt in Ausnahmefällen die Rekonstruktion des endokrinen Zustands der Individuen, hier zunächst ausschließlich im Falle der Schwangerschaft mit den damit verbundenen hohen Estradiol-Konzentrationen. Die Validierung weiterer biographischer Ereignisse neben Mutter-Kind-Bestattungen, z. B. die Feststellung von Menarche- und Menopausezeitpunkten ist aus den beobachteten Messwerten für Estradiol aus archäologischem Knochen nicht möglich. Aussagen über Fertilitätsparameter einzelner Individuen, und damit auch die Übertragung auf historischen Bevölkerungen im Sinne kollektiver biographischer Parameter, können mit Hilfe der angewendeten Techniken der Gaschromatographie/Massenspektrometrie und des Radioimmunoassays nicht getroffen werden.

Author and committee

dc:creator, dc:contributor.*
Author dc:creator
  • Zierdt, Holger
Contributors dc:contributor
  • Herrmann, Bernd Prof. Dr.
  • Hardeland, Rüdiger Prof. Dr.

Subjects

dc:subject × 21

Rights

dc:rights
Language dc:language
ger

Identifiers

dc:identifier.*
Identifier
https://dx.doi.org/10.53846/goediss-602
urn:nbn:de:gbv:7-webdoc-583-3
webdoc-583
550640258
OAI identifier oai:identifier
oai:ediss.uni-goettingen.de:11858/00-1735-0000-0006-AB9B-F

Chain of custody

source
Harvested from
Georg-August-Universität Göttingen
Base URL
ediss.uni-goettingen.de/oai/request
Last updated
2026-07-24
Source record
OAI-PMH GetRecord
citation

Zierdt, Holger. Steroidhormone in bodengelagertem Skelettmaterial. 2012. https://hdl.handle.net/11858/00-1735-0000-0006-AB9B-F