{"id":{"repo_id":"potsdam-thes","oai_identifier":"oai:kobv.de-opus4-uni-potsdam:68848"},"canonical_url":"https://search.dev.ndltd.org/etd/potsdam-thes/oai:kobv.de-opus4-uni-potsdam:68848","repository":{"repo_id":"potsdam-thes","name":"Universität Potsdam - Thes","base_url":"https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/oai"},"display":{"title":"Die Funktion der Atlantis-Rezeption in J. R. R. Tolkiens Númenor zwischen Empirie und Phantasie","abstract":"J. R. R. Tolkien (1892–1973) ist mit seinem Mittelerde-Komplex einer der erfolgreichsten und wirkungsmächtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts und begründete mit seinem Schaffen die moderne Fantasy-Literatur. Zunächst von Leserinnen und Lesern immer wieder deutend als Allegorie des Zweiten Weltkrieges vereinnahmt, wehrte sich der katholische Oxford-Philologe vehement gegen eine von ihm intendierte Lesart seines Schaffens, da dies die deutende Freiheit von Rezipierenden untergrabe. Damit bringt er ein rezeptionsästhetisches Verständnis von Literatur zum Ausdruck, das den Fokus nicht auf Produzierende oder das Werk allein richtet, sondern auf die Rezipierenden, die mit ihren individuellen Vorstellungen und Erfahrungen die Wirkung und Bedeutung eines Textes bei der Lektüre mitkonstruieren. Aufgrund seiner kategorischen Allegorieverweigerung ist es umso bemerkenswerter, dass Tolkien in seiner Númenor-Narration Akallabêth (The Downfall of Númenor) die wohl berühmteste politische Allegorie des Abendlandes rezipiert: die Geschichte der versunkenen Insel Atlantis, die erstmals in Platons Dialogen Kritias und Timaios Erwähnung fand. Der Althistoriker und Phantastikforscher Michael Kleu resümierte in seinem Aufsatz Plato's Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien's Downfall of Númenor, dass Tolkiens Atlantis-Rezeption primär aus einer tiefen persönlichen Faszination für diesen Stoff hervorging: „Ultimately, Tolkien's reception of Atlantis is primarily based on a deep personal interest, whereby the content-based functions seem to be rather secondary.“ (Kleu, 2021, S. 210f.) Die vorliegende Arbeit möchte an Kleus Einschätzung anknüpfen, die Frage nach der Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption jedoch mit Rekurs auf Tolkiens poetologisches (Selbst-)Verständnis vertiefen, das er in seinem Essay On Fairy-Stories (1938/39) darlegte. Dabei ist insbesondere der von Tolkien formulierte Begriff des Sekundärglaubens von Bedeutung, der sein wirkungsästhetisches Ziel einer immersiven Leseerfahrung beschreibt, welche die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und Rezipierende voll und ganz in eine literarische Fiktionswelt eintauchen lassen soll. Mit Rekurs auf die von Tolkien intendierte Deutungshoheit Rezipierender liegt der Schlüssel zur Funktion seiner Atlantis-Rezeption möglicherweise in der geschichtskulturell ambivalenten Positionierung des im frühen 20. Jahrhundert breit rezipierten Atlantis-Stoffes, der zwischen archäologischer und historischer Spekulation sowie mythischer Überhöhung changierte, denn gerade dieser oszillierende Status zwischen Phantasie und Empirie scheint einen fruchtbaren Anknüpfungspunkt für Tolkiens Konzept des Sekundärglaubens zu bieten. Methodisch liegt dieser Arbeit Lorna Hardwicks Analyse-Modell für die Untersuchung von Antikenrezeption zugrunde. Mit Blick auf die Funktion ist es einerseits wichtig, danach zu fragen, wie Tolkien Platons Atlantis-Entwurf aufgenommen und umgestaltet hat. Da Rezeptionen jedoch nie anlass- und kontextlos vollzogen werden, ist es andererseits von Bedeutung, dabei auch externe Einflussfaktoren mit in den Blick zu nehmen. Entsprechend wird sich die Arbeit in mehreren Schritten entfalten. Zunächst erfolgt eine Kontextualisierung Tolkiens. Dabei werden biographische Hintergründe und sein poetologisches (Selbst-)Verständnis skizziert. Zentral ist in diesem Zusammenhang Tolkiens literarisches Credo, das er in seinem Essay On Fairy-Stories formulierte und das grundlegende Einsichten in seine literarischen Ziele als Schriftsteller sowie sein Verständnis von Phantasie, Sprache und Wahrheit zwischen Christentum und Neuplatonismus eröffnet. Angelehnt an Tolkiens Akallabêth, folgt eine Darstellung der Númenor-Erzählung, bevor sie systematisch mit Platons Atlantis-Darstellung in seinen Dialogen Kritias und Timaios verglichen wird. In einem weiteren Analyseschritt werden biblische Parallelen und Einflüsse aus der postplatonischen Atlantis-Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts sowie damit in Verbindung stehende antike Stoffe exemplarisch in den Blick genommen, die auf ein breites kulturelles Bezugsfeld verweisen, das für Tolkiens literarische Verarbeitung von Bedeutung gewesen sein dürfte. Abschließend richtet sich der Blick auf die Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption. Zur theoretischen Fundierung seines Konzepts des Sekundärglaubens dienen dabei Werner Wolfs Theorie der ästhetischen Illusion und Illusionsdurchbrechung sowie Wolfgang Isers wirkungsästhetisches Konzept des impliziten Lesers. Die Arbeit versteht sich als ein Beitrag an der Schnittstelle von literaturwissenschaftlicher Phantastikforschung, der Geschichte der Antikenrezeption und wirkungsästhetischer Erzähltheorie, indem sie Tolkiens Atlantis-Rezeption als Produkt komplexer kultureller Transformationsprozesse analysiert, das antike Stoffe unter Einbezug genretypischer Konventionen in einen neuen fiktionalen Kontext überführt und gezielt auf die Wirkung bei Rezipierenden ausgerichtet ist.","abstract_html":"J. R. R. Tolkien (1892–1973) ist mit seinem Mittelerde-Komplex einer der erfolgreichsten und wirkungsmächtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts und begründete mit seinem Schaffen die moderne Fantasy-Literatur. Zunächst von Leserinnen und Lesern immer wieder deutend als Allegorie des Zweiten Weltkrieges vereinnahmt, wehrte sich der katholische Oxford-Philologe vehement gegen eine von ihm intendierte Lesart seines Schaffens, da dies die deutende Freiheit von Rezipierenden untergrabe. 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Aufgrund seiner kategorischen Allegorieverweigerung ist es umso bemerkenswerter, dass Tolkien in seiner Númenor-Narration Akallabêth (The Downfall of Númenor) die wohl berühmteste politische Allegorie des Abendlandes rezipiert: die Geschichte der versunkenen Insel Atlantis, die erstmals in Platons Dialogen Kritias und Timaios Erwähnung fand. Der Althistoriker und Phantastikforscher Michael Kleu resümierte in seinem Aufsatz Plato's Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien's Downfall of Númenor, dass Tolkiens Atlantis-Rezeption primär aus einer tiefen persönlichen Faszination für diesen Stoff hervorging: „Ultimately, Tolkien's reception of Atlantis is primarily based on a deep personal interest, whereby the content-based functions seem to be rather secondary.“ (Kleu, 2021, S. 210f.) Die vorliegende Arbeit möchte an Kleus Einschätzung anknüpfen, die Frage nach der Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption jedoch mit Rekurs auf Tolkiens poetologisches (Selbst-)Verständnis vertiefen, das er in seinem Essay On Fairy-Stories (1938/39) darlegte. Dabei ist insbesondere der von Tolkien formulierte Begriff des Sekundärglaubens von Bedeutung, der sein wirkungsästhetisches Ziel einer immersiven Leseerfahrung beschreibt, welche die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und Rezipierende voll und ganz in eine literarische Fiktionswelt eintauchen lassen soll. Mit Rekurs auf die von Tolkien intendierte Deutungshoheit Rezipierender liegt der Schlüssel zur Funktion seiner Atlantis-Rezeption möglicherweise in der geschichtskulturell ambivalenten Positionierung des im frühen 20. Jahrhundert breit rezipierten Atlantis-Stoffes, der zwischen archäologischer und historischer Spekulation sowie mythischer Überhöhung changierte, denn gerade dieser oszillierende Status zwischen Phantasie und Empirie scheint einen fruchtbaren Anknüpfungspunkt für Tolkiens Konzept des Sekundärglaubens zu bieten. Methodisch liegt dieser Arbeit Lorna Hardwicks Analyse-Modell für die Untersuchung von Antikenrezeption zugrunde. Mit Blick auf die Funktion ist es einerseits wichtig, danach zu fragen, wie Tolkien Platons Atlantis-Entwurf aufgenommen und umgestaltet hat. Da Rezeptionen jedoch nie anlass- und kontextlos vollzogen werden, ist es andererseits von Bedeutung, dabei auch externe Einflussfaktoren mit in den Blick zu nehmen. Entsprechend wird sich die Arbeit in mehreren Schritten entfalten. Zunächst erfolgt eine Kontextualisierung Tolkiens. Dabei werden biographische Hintergründe und sein poetologisches (Selbst-)Verständnis skizziert. Zentral ist in diesem Zusammenhang Tolkiens literarisches Credo, das er in seinem Essay On Fairy-Stories formulierte und das grundlegende Einsichten in seine literarischen Ziele als Schriftsteller sowie sein Verständnis von Phantasie, Sprache und Wahrheit zwischen Christentum und Neuplatonismus eröffnet. Angelehnt an Tolkiens Akallabêth, folgt eine Darstellung der Númenor-Erzählung, bevor sie systematisch mit Platons Atlantis-Darstellung in seinen Dialogen Kritias und Timaios verglichen wird. In einem weiteren Analyseschritt werden biblische Parallelen und Einflüsse aus der postplatonischen Atlantis-Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts sowie damit in Verbindung stehende antike Stoffe exemplarisch in den Blick genommen, die auf ein breites kulturelles Bezugsfeld verweisen, das für Tolkiens literarische Verarbeitung von Bedeutung gewesen sein dürfte. Abschließend richtet sich der Blick auf die Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption. Zur theoretischen Fundierung seines Konzepts des Sekundärglaubens dienen dabei Werner Wolfs Theorie der ästhetischen Illusion und Illusionsdurchbrechung sowie Wolfgang Isers wirkungsästhetisches Konzept des impliziten Lesers. Die Arbeit versteht sich als ein Beitrag an der Schnittstelle von literaturwissenschaftlicher Phantastikforschung, der Geschichte der Antikenrezeption und wirkungsästhetischer Erzähltheorie, indem sie Tolkiens Atlantis-Rezeption als Produkt komplexer kultureller Transformationsprozesse analysiert, das antike Stoffe unter Einbezug genretypischer Konventionen in einen neuen fiktionalen Kontext überführt und gezielt auf die Wirkung bei Rezipierenden ausgerichtet ist.","J. R. R. Tolkien (1892–1973) is one of the most successful and influential authors of the 20th century with his Middle-earth complex, and his work laid the foundations for modern fantasy literature. Initially interpreted by readers as an allegory of the Second World War, the Catholic Oxford philologist vehemently opposed this interpretation of his work, as he believed it undermined the interpretative freedom of readers. In doing so, he expresses a reception-aesthetic understanding of literature that focuses not on the producer or the work alone, but on the readers, who, with their individual ideas and experiences, help to construct the effect and meaning of a text as they read it. Given his categorical rejection of allegory, it is all the more remarkable that Tolkien, in his Númenor narrative Akallabêth (The Downfall of Númenor), draws on what is probably the most famous political allegory of the Western world: the story of the sunken island of Atlantis, first mentioned in Plato's dialogues Critias and Timaeus. In his essay Plato's Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien's Downfall of Númenor, ancient historian and fantasy researcher Michael Kleu concluded that Tolkien's reception of Atlantis stemmed primarily from a deep personal fascination with the subject matter: ‘Ultimately, Tolkien's reception of Atlantis is primarily based on a deep personal interest, whereby the content-based functions seem to be rather secondary.’ (Kleu, 2021, p. 210f.) This paper aims to build on Kleu's assessment, but to explore the question of the function of Tolkien's reception of Atlantis in more depth, drawing on Tolkien's poetological (self-)understanding, which he outlined in his essay On Fairy-Stories (1938/39). Of particular importance here is Tolkien's concept of secondary belief, which describes his aesthetic goal of creating an immersive reading experience that blurs the boundaries between reality and fiction and allows readers to fully immerse themselves in a literary fictional world. With reference to Tolkien's intention that readers should have interpretative sovereignty, the key to the function of his reception of Atlantis may lie in the historically and culturally ambivalent positioning of the Atlantis material, which was widely received in the early 20th century and oscillated between archaeological and historical speculation and mythical exaggeration, because it is precisely this oscillating status between fantasy and empiricism that seems to offer a fruitful point of reference for Tolkien's concept of secondary belief. Methodologically, this work is based on Lorna Hardwick's analytical model for the study of the reception of antiquity. With regard to function, it is important to ask how Tolkien took up and reshaped Plato's Atlantis concept. However, since receptions never take place without cause and context, it is also important to consider external influencing factors. Accordingly, the work will unfold in several steps. First, Tolkien is contextualised. His biographical background and his poetological (self-)understanding are outlined. Central to this context is Tolkien's literary credo, which he formulated in his essay On Fairy-Stories and which provides fundamental insights into his literary goals as a writer and his understanding of imagination, language and truth between Christianity and Neoplatonism. Based on Tolkien's Akallabêth, a presentation of the Númenor narrative follows, before it is systematically compared with Plato's depiction of Atlantis in his dialogues Critias and Timaeus. In a further step of analysis, biblical parallels and influences from the post-Platonic reception of Atlantis in the 19th and 20th centuries, as well as related ancient material, are examined in detail, pointing to a broad cultural field of reference that may have been significant for Tolkien's literary treatment. Finally, the focus turns to the function of Tolkien's reception of Atlantis. Werner Wolf's theory of aesthetic illusion and illusion-breaking, as well as Wolfgang Iser's aesthetic concept of the implicit reader, serve as the theoretical foundation for his concept of secondary belief. This work is intended as a contribution at the intersection of literary fantasy research, the history of the reception of antiquity, and aesthetic theory of narrative, analysing Tolkien's reception of Atlantis as a product of complex cultural transformation processes that transfers ancient material into a new fictional context, incorporating genre-typical conventions, and is specifically geared towards the effect on the audience."]},{"key":"dc:format.medium","label":"Dc Format Medium","values":["application/pdf"]},{"key":"dc:title","label":"Title","values":["Die Funktion der Atlantis-Rezeption in J. R. R. Tolkiens Númenor zwischen Empirie und Phantasie","The function of the Atlantis reception in J. R. R. 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Der Althistoriker und Phantastikforscher Michael Kleu resümierte in seinem Aufsatz Plato's Atlantis and the Post-Platonic Tradition in Tolkien's Downfall of Númenor, dass Tolkiens Atlantis-Rezeption primär aus einer tiefen persönlichen Faszination für diesen Stoff hervorging: „Ultimately, Tolkien's reception of Atlantis is primarily based on a deep personal interest, whereby the content-based functions seem to be rather secondary.“ (Kleu, 2021, S. 210f.) Die vorliegende Arbeit möchte an Kleus Einschätzung anknüpfen, die Frage nach der Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption jedoch mit Rekurs auf Tolkiens poetologisches (Selbst-)Verständnis vertiefen, das er in seinem Essay On Fairy-Stories (1938/39) darlegte. 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Angelehnt an Tolkiens Akallabêth, folgt eine Darstellung der Númenor-Erzählung, bevor sie systematisch mit Platons Atlantis-Darstellung in seinen Dialogen Kritias und Timaios verglichen wird. In einem weiteren Analyseschritt werden biblische Parallelen und Einflüsse aus der postplatonischen Atlantis-Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts sowie damit in Verbindung stehende antike Stoffe exemplarisch in den Blick genommen, die auf ein breites kulturelles Bezugsfeld verweisen, das für Tolkiens literarische Verarbeitung von Bedeutung gewesen sein dürfte. Abschließend richtet sich der Blick auf die Funktion von Tolkiens Atlantis-Rezeption. Zur theoretischen Fundierung seines Konzepts des Sekundärglaubens dienen dabei Werner Wolfs Theorie der ästhetischen Illusion und Illusionsdurchbrechung sowie Wolfgang Isers wirkungsästhetisches Konzept des impliziten Lesers. 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With reference to Tolkien's intention that readers should have interpretative sovereignty, the key to the function of his reception of Atlantis may lie in the historically and culturally ambivalent positioning of the Atlantis material, which was widely received in the early 20th century and oscillated between archaeological and historical speculation and mythical exaggeration, because it is precisely this oscillating status between fantasy and empiricism that seems to offer a fruitful point of reference for Tolkien's concept of secondary belief. Methodologically, this work is based on Lorna Hardwick's analytical model for the study of the reception of antiquity. With regard to function, it is important to ask how Tolkien took up and reshaped Plato's Atlantis concept. However, since receptions never take place without cause and context, it is also important to consider external influencing factors. Accordingly, the work will unfold in several steps. First, Tolkien is contextualised. 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