Georg-August-Universität Göttingen
Über die Wirkung modalitätsspezifischer Hinweisreize im ikonischen Gedächtnis
Abstract
dc:descriptionDie Arbeit weist einen Modalitätseffekt des Hinweisreizes in Untersuchungen des ikonischen Gedächtnisses nach, nämlich dass der verwendete visuelle Hinweisreiz im Partial-report-Experiment mit schlechterer Reproduktionsleistung im Vergleich zu einem auditiven Hinweisreiz einhergeht. Zur plausibleren Erklärung dieses Effektes und vor allem auch um zu versuchen, den unbefriedigenden Theorienstand der im Überblick dargestellten bisherigen theoretischen Ansätze zum ikonischen Gedächtnis abzuhelfen, stellt die Arbeit ein neuropsychologisches Modell zur visuellen Informationsverarbeitung bzw. zum visuellen sensorischen Gedächtnis auf, wobei jüngere psychologische und neuropsychologische Theorien zur visuellen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit berücksichtigt werden. Dieses Modell geht von der inzwischen weit verbreiteten Grundannahme aus, dass die visuellen Informationen zunächst auf zwei getrennten Wegen verarbeitet werden: die objektbezogenen Attribute durch die ventrale Bahn (im inferioren temporalen Cortex) und die räumlichen Informationen über den dorsalen Weg (im posterioren parietalen Cortex). Im Modell kommen die beiden Arten von Informationen in einem temporären Buffer (vermutlich im Sulcus temporalis superior) zusammen und werden dort unter der Steuerung von aktiven Instanzen im präfrontalen Cortex integriert und identifiziert. Zwei Instanzen im präfrontalen Cortex spielen zugleich eine wichtige Rolle bei der Aufmerksamkeitskontrolle während des gesamten Informationsverarbeitungsprozesses. Mit Hilfe des thalamischen Systems (des Pulvinars) werden die Selektionsabsichten der präfrontalen Instanzen in verschiedenen Phasen der Verarbeitung umgesetzt. Im Zusammenhang mit dem Modalitätseffekt unterstützen die Verhaltensdaten zur Reproduktionsleistung die Modellannahmen: (1) die Wiedererkennung von Objekten in der ventralen Bahn kann parallel verlaufen, wird aber von einer perzeptuellen Kapazität eingeschränkt. (2) Dagegen unterliegen die Integrations- und Identifikationsprozesse im temporären Buffer einer kognitiven Kapazitätslimitation. Denn die Integration und Identifikation können nur seriell durchgeführt werden. Diesbezüglich demonstrieren die das Modell überprüfenden Experimente, dass der Modalitätseffekt in der Sperling-Aufgabe zum einen auf eine perzeptuelle Interferenz aufgrund der perzeptuellen Kapazitätsbeschränkung im ventralen Kodierungsprozess (beim Ganzbericht) zurückzuführen ist. Zum anderen geht dieser Effekt zurück auf eine Verarbeitungskonkurrenz während des Integrations- und Identifikationsprozesses (beim Teilbericht) aufgrund der zusätzlichen Verarbeitung des visuellen Hinweisreizes in denselben Verarbeitungswegen. Darüber hinaus weisen die zwei getrennten Informationsverarbeitungswege experimentell unterschiedliche Charakteristika auf: während die ventrale Bahn einer perzeptuellen Kapazitätseinschränkung unterliegt, ist der dorsale Weg relativ kapazitätsunabhängig, aber für zeitliche Aspekte empfindlich. Diese unterschiedlichen Charakteristiken drücken sich in verschiedene Fehlerarten in der Gedächtnisleistung aus (Identifikations- und Lokalisationsfehler). Die neue Betrachtung des ikonischen Gedächtnisses spricht für ein einheitliches Verarbeitungssystem mit denselben Verarbeitungsprozessen bei den verschiedenen visuellen Phänomenen und Gedächtnisformen.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Yan, Song
- Contributors dc:contributor
-
- Lass, Uta Prof. Dr.
- Lüer, Gerd Prof. Dr.
Subjects
dc:subject × 21- 150 Psychologie
- Psychologie
- ikonisches Gedächtnis
- visuelles sensorisches Gedächtnis
- perzeptuelles Gedächtnis
- Teilberichtsmethode
- Hinweisreizmodalität
- visuelle Informationsverarbeitung
- iconic memory
- visual sensory memory
- perceptual memory
- partial report
- cue modality
- visual information processing
- 77.31
- 77.37
- 77.40
- FAB 000: Kognitionspsychologie
- FAB 440: Gedächtnis, Wissenspsychologie
- FAB 100: Wahrnehmungspsychologie, Sinnespsychologie
- FAB 300: Aufmerksamkeit, Vigilanz, Neugier {Kognitionspsychologie}
Rights
dc:rights- Language dc:language
- ger
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
-
https://dx.doi.org/10.53846/goediss-145
urn:nbn:de:gbv:7-webdoc-1257-7
webdoc-1257
342058967 - OAI identifier oai:identifier
- oai:ediss.uni-goettingen.de:11858/00-1735-0000-0006-AC1C-7