Freie Universität Berlin
Erklärungsmodelle suizidalen Krisenverhaltens von Frauen mit türkischem Migrationshintergrund
Abstract
dc:description.abstractIn Deutschland und auch in anderen Ländern Europas haben junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund signifikant höhere Raten an Suizidgedanken, Suizidversuchen und vollendeten Suiziden als die Bevölkerung der Aufnahmeländer. Die Ursachen und Hintergründe wurden jedoch noch wenig erforscht. Diese Arbeit befasst sich daher in Studie 1 mit den Fragen, warum diese Frauen eine hohe psychische Belastung und eine hohe Rate an Suizidalität haben, wie diese psychische Belastung sich zeigt, und warum das Gesundheitssystem sie meist nicht abmildern kann, bevor es zu suizidalen Krisen kommt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass es zwei zentrale Faktoren gibt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Erklärungsmodelle suizidalen Verhaltens haben: die eigene Familie/Community und die deutsche Aufnahmegesellschaft. Familiäre Probleme stellten sich einer der Hauptbeweggründe für suizidale Krisen heraus, außerdem Erfahrungen von Diskriminierung und Exklusion. Die negative Interaktion der beiden zentralen Faktoren zeigt die Wichtigkeit von nachteiligem sozialem Kontext und soziokulturellem Hintergrund auf, was sich besonders im Gefühl des “zwischen den Kulturen Seins” bei jungen Frauen widerspiegelt. Des Weiteren evaluiert diese Arbeit in Studie 2 eine spezifisch auf die Zielgruppe Frauen mit türkischem Migrationshintergrund zugeschnittene Interventionsmaßnahme zur Prävention von Suizidalität (Kampagne „Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben“). Hierzu wurden die Inzidenzraten von Suizidversuchen der Zielgruppe sowie die Beweggründe für diese Suizidversuche in den Berliner Rettungsstellen in einem Zeitraum von 2,5 Jahren erfasst. Die Interventionsmaßnahme führte zu einer signifikanten Reduzierung der Suizidversuche von Frauen in der Altersgruppe mit der höchsten Rate an Suizidalität (Alter 18-24) und zeigt somit, dass eine auf eine bestimmte Zielgruppe fokussierte und individuell ausgerichtete Maßnahme wirksam ist. In Studie 3 werden die Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Stigmatisierung, psychischer Belastung, Depressivität und Somatisierung bei Frauen mit türkischem Migrationshintergrund untersucht. Es zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen wahrgenommener Stigmatisierung, Depressivität und psychischer Belastung; wahrgenommene Stigmatisierung und somatische Symptome sind jedoch nicht assoziiert. Das heißt, dass allgemeine psychische Belastung und Depressivität den wahrgenommenen sozialen Status beeinflussen, somatische Symptome hingegen nicht. Dieses Ergebnis stellt die sogenannte „Somatisierungs-Hypothese“ in Frage und suggeriert, dass vor allem die individuellen Symptome und die Erklärungsmodelle der hilfesuchenden Person (neben den eventuellen zu berücksichtigenden kulturellen Besonderheiten) ausschlaggebend sind, und dass generalisierende Annahmen über Menschen mit einem bestimmten kulturellen Hintergrund zu Missverständnissen, falschen Diagnosen und wahrgenommener Stigmatisierung - und dadurch wiederum zu Ablehnung der Behandlung führen können.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Heredia Montesinos, Amanda Isabel
Subjects
dc:subject × 5Rights
- Licence dc:rights.uri
- Language dc:language
- ger
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier URI
- http://dx.doi.org/10.17169/refubium-2624