Abstract
dc:description.abstractAb 1917 ist „Schizophrenie“ eine Diagnose, die an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Berliner Charité verwendet wird. Die vorliegende Arbeit geht ihrem Einführungsprozess in vier sich konsekutiv ergebenden Schritten nach. Erst war die lokale Begriffsverwendung zu klären. Daraus folgte die Frage nach der Methodik der Vermittlung klinischen Wissens und des ärzt-lichen Blicks. Hierbei zeigte sich, wie wichtig Patientenvorstellungen im Unterricht (klinische Demonstrationen) waren. Schließlich wurde untersucht, wie sich diese Unterrichtsmethode zum neuen Medium Film verhält, dessen Einsatz an der Charité durch das Medizinisch-kinemato-graphische Institut für Unterricht und Forschung vorangetrieben wurde. Jeder dieser Arbeits- und Analyseschritte wurde in einer eigenen Publikation dokumentiert. Grundlage der Untersuchung sind psychiatrische Krankenakten der Charité aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die mit der Grounded Theory, einem aus der qualitativen Sozialforschung stammendem Untersuchungsverfahren, analysiert wurden. Hinzu kamen Archivalien verschiedener Provenienz. Die Protokolle der klinischen Demonstrationen wurden in Anlehnung an die Qualitative Inhaltsanalyse ausgewertet. Wie die Arbeit zeigt, standen nicht wie in Zürich, wo die Diagnose Schizophrenie durch den Psychiater Eugen Bleuler begründet wurde, Assoziationsstörungen im Zentrum des Schizophrenie-Konzeptes, sondern Affektstörungen. Das „Berliner Schizophrenie-Konzept“ wurde außerdem auf mehreren Ebenen durch normative Wertvorstellungen der Ärzte geprägt. Das zeigt besonders die Diagnostik der Affektstörung. Sie wurde als ein Auseinanderklaffen der verbalen Äußerungen der Patienten und ihrem Ausdrucksverhalten begriffen. Die Ärzte der Charité nutzten weniger objektivierende apparative oder psychologische Testverfahren, sondern ihr professionelles Erfahrungswissen, um zwischen angemessenem respektive unangemessenem Verhalten zu unterscheiden. Dieses Erfahrungswissen wurde in der klinischen Demonstration vermittelt. Diese war jedoch keine bloße Präsentation von Wissen. Jene Symptomatik die hier gezeigt werden sollte, musste vielmehr erst performativ auf die „Bühne“ gebracht werden. Im Gegensatz zum medizinischen Film, der bis zur Einführung des Tonfilms lediglich das Auge ansprach, adressierte die klinische Demonstration alle Sinne. Obwohl der zeitgenössische Diskurs zum medizinischen Film dem neuen Medium großes Potential zusprach, löste es die Demonstration nicht als Lehrpraxis ab. Tatsächlich fand der Film in der Lehre nur wenig Anklang, was, wie meine Arbeit zeigt, unter anderem ein entscheidender Grund für die Schließung des Charité-Filminstituts war.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Friedland, Alexander
Subjects
dc:subject × 7Rights
- Licence dc:rights.uri
- Language dc:language
- ger
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier URI
- http://dx.doi.org/10.17169/refubium-6213