University of Freiburg
Kritische Analyse der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis. : eine Erhebung an 1926 Patienten im Zeitraum vom 01.01.2003 bis 30.06.2003
Abstract
dc:description.abstractZusammenfassung: <br>2177 Patienten nehmen uns im ersten Halbjahr 2003 hausärztlich in Anspruch. Bei 1926, fast 90%, ist die Abschätzung des kardiovaskulären Risikos aufgrund vorhandener oder erstmals erhobener Daten möglich. Bei 42% besteht Präventionsbedarf: 18% sind Hochrisikopatienten, die größtenteils einer medikamentösen Behandlung bedürfen, bei 24% ist zumindest eine intensive Beratung bei vorhandenem mittleren oder spätestens bis zum sechzigsten Geburtstag zu erwartendem mittleren oder hohen Risiko erforderlich. Zu letzteren gehören bereits 17% der Frauen und 26% der Männer unter 35 Jahren! Alarmierend sind die Risikoentwicklung bei sehr jungen Männern und -die allgemein unterschätzte- bei postmenopausalen Frauen. Hauptgründe: die Entwicklung hin zu Übergewicht und Adipositas setzt bei Männer schon ab 30-, bei Frauen ab 50 Jahren ein. Das seltene Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen bei prämenopausalen Frauen wiegt in falscher Sicherheit. Die Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen und Risikofaktoren unserer Patienten stimmt mit Ergebnissen epidemiologischer Untersuchungen weitgehend überein, was Rückschlüsse auf vergleichbare Praxen zulässt. <br> <br>Die Abschätzung des kardialen Risikos erfolgt mit Hilfe des PROCAM-Scores. Es wird gezeigt, dass sich dieser Risiko-Score auch bei Patienten außerhalb des vorgesehenen Altersfensters, bei Frauen, sowie zur Abschätzung des allgemeinen kardiovaskulären Risikos bewährt. Im Vergleich zu Studienergebnissen sind bei eigenen Patienten bescheidene Behandlungserfolge bei Dyslipidämie und Hypertonie zu verzeichnen. Dies scheint nicht schwierig zu sein, da Deutschland bei der Sekundärprävention im europäischen Vergleich auf hinteren Rängen rangiert. Die Behandlungskosten liegen allerdings trotz des geringen Durchschnittsalters unserer Patienten bei Antihypertensiva 25%, bei Lipidsenkern 100% über denen der Vergleichspraxen. Dennoch werden auch bei uns die in Leitlinien vorgegebenen Behandlungsziele eher selten erreicht. Die Behandlung von Hochrisikopatienten erfolgt all zu oft erst dann leitliniengerecht, wenn gravierende gesundheitliche Schäden bereits aufgetreten sind, was allen Intentionen des Präventionsgedankens widerspricht. <br> <br>Der Hauptgrund für die Unterversorgung von Risikopatienten ist in begrenzten Medikamentenbudgets bei gleichzeitiger Angst vor Regress zu suchen. Nicht mangelnde Compliance der Patienten, sondern ärztliche Non-Compliance ist hauptverantwortlich für die insgesamt unbefriedigenden Präventionsergebnisse-angesichts der Malignität kardiovaskulärer Erkrankungen ein untragbarer Zustand. Dabei zeigen Kosten-Effektivitäts-Analysen, dass es sich vor allem bei der Prävention mit Statinen um eine außerordentlich kostengünstige und effektive Maßnahme handelt. Die Klage ärztlicher Regierungsberater und Gesundheitspolitiker über die Unterversorgung chronisch Kranker ist berechtigt, steht aber in krassem Widerspruch zum Stellenwert, der Prävention hierzulande eingeräumt wird. Erfolgreiche Prävention lässt sich in einem Klima ständiger Verunsicherung, das von eben diesen Personen zu verantworten ist, nicht erfolgreich bewerkstelligen. <br> <br>Begünstigt durch einen in Industriestaaten üblichen Lebensstil, geprägt von Bewegungsmangel, Übergewicht und übermäßigem Nikotin- und Alkoholkonsum ist die Zunahme der Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen und ihrer Risikofaktoren schon heute erschreckend. Zusätzlich wird aufgrund der demographischen Entwicklung der Präventionsbedarf in den nächsten Jahrzehnten trotz sinkender Bevölkerungszahl kontinuierlich weiter ansteigen. Nur eine Änderung des Lebensstils weiter Bevölkerungsteile wird den finanziellen Kollaps des Gesundheitssystems verhindern können. Lebensstilmodifikation ist möglich, hat aber ihre Grenzen. Der Hausarzt ist durch eine oft jahrzehntelange Betreuung wie kein anderer in der Lage -in enger Zusammenarbeit mit Spezialisten-, Risiken seiner Patienten rechtzeitig zu erkennen und zu beeinflussen. Dazu benötigt er allerdings die Unterstützung von Gesellschaft und Politik. Ständig neuer Aufbau bürokratischer Hemmnisse und Unfähigkeitsbezichtigungen durch Gesundheitspolitiker sind kontraproduktiv. <br> <br>Schlüsselwörter: <br>Kardiovaskuläres Risiko · PROCAM-Score · Präventionsbedarf · Behandlungskosten · Ärztliche Non-Compliance
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Junge, Ulrich
- Contributors dc:contributor
-
- Holubarsch, Christian J. F.
Subjects
dc:subject × 9Identifiers
dc:identifier.*- Repository record source_url
- https://freidok.uni-freiburg.de/data/1840
- OAI identifier oai:identifier
- oai:freidok.uni-freiburg.de:1840