Universität Bayreuth
Der Narr in der Oper : eine kulturwissenschaftliche Annäherung.
Abstract
dc:description.abstractDie spätmittelalterliche Figur des Hofnarren ist eine markante Erscheinung der europäischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte und hat aufgrund ihrer spezifischen Ideen- und Sozialgeschichte in den Künsten - vor allem den Darstellenden - tiefe Spuren. Die Begründung hierfür liegt in ihrem ebenso verstörenden wie faszinierenden Außenseiterpotential, das den Narren aus der Gesellschaft als Normabweichung heraushebt und dadurch zu deren kritischen Spiegel macht. Diese Charaktereigenschaft scheint die Narrenfigur zunächst stärker für das Schauspiel als für die Oper als "Kraftwerk der Gefühle" zu prädestinieren; jedoch bietet das Musiktheater ebenfalls genügend interessantes Material für Untersuchungen. Vor diesem Hintergrund verfolgt diese Arbeit einen diskursanalytischen Ansatz, der die Hofnarrenidee einerseits in ihrer kulturellen Bedeutung und den daraus resultierenden Evolutionsstufen erfasst sowie andererseits die Entwicklung der Hofnarrenidee in der Oper im Sinne einer inventarischen Bestandsaufnahme zusammenführt. Damit einher geht eine erste deskriptive wie tabellarische Dokumentation und Sammlung von Werken, da die Hofnarrenidee in der zeitgenössischen Motivgeschichte der Opernforschung quasi nicht vorhanden ist. Denkt man an den Hofnarren in der Oper, so flackert in diesem Kontext bestenfalls "Rigoletto" (Giuseppe Verdi, 1851) auf - allerdings verbirgt sich eine Vielzahl weiterer kaum entdeckter Hofnarrenidentitäten in der Oper. Die Hofnarrenidee selbst hat zwar seit ihrer Entstehung um 1500 auf vielfältige Multiplikations- und Distributionswege verwiesen, um ihren Platz in den kollektiven Gedächtnisspuren der europäischen Kulturgeschichte zu festigen. Diese sind allerdings in Vergessenheit geraten und werden in den einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen in der Regel isoliert, wenn nicht sogar defizitär behandelt. Jene aufzuspüren ist Aufgabe des ersten Teiles der Arbeit, die anhand ihres synchronen Procederes die Profilbildung des Hofnarren anhand seiner Ideen- und Sozialgeschichte nachzeichnet sowie die damit einhergehenden moralphilosophischen Ansätze von Sebastian Brant, Thomas Murner, Erasmus von Rotterdam und Martin Luther untersucht und die Narrenidee auf der Folie von Komiktheorien begreift. In diesem Rahmen spielt die verkehrte Welt des Fastnachtsbrauchtums eine ebenso bedeutende Rolle, da es den Narren in die Literatur der Neuzeit entlässt. Dabei ist die Abgrenzung des Hofnarren von anderen literarischen Narrenfiguren wie etwa Parzival, Don Quijote oder Till Eulenspiegel notwendig, um eine inflationäre Nivellierung des Narrenbegriffs zu vermeiden. Des Weiteren nimmt das literarische Werk von William Shakespeare eine besondere Bedeutung an, da er die Narrenidee vielfach rezipiert und damit den Anstoß für eine bis heute anhaltende Veroperung seiner Hofnarrenfiguren liefert. Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt ein diachrones Verfahren, das den Hofnarren vom 17. bis 21. Jahrhundert in der Oper betrachtet und anhand von Einzel- und Mehrfachvertonungen das spannendes Wechselspiel zwischen Opfer- und Täterschaft beschreibt: Unter dem Einfluss unterschiedlicher Musikästhetiken wird aus dem stets "verlachten" Narr ein "lachender" Täter, der in einem subtilen Spiel von Reflexion und Parodie zur Begegnungsfläche von Widersprüchlichkeiten avanciert und damit den diskursiven Zug einer Befreiungsutopie trägt, die sich elementaren Themenbereichen des Lebens widmet. Übergeordnetes Ziel dieser Untersuchung ist es zugleich aufzuzeigen, dass gerade kulturwissenschaftliche Fragestellungen in der jüngsten Opernforschung reiche Forschungserträge verzeichnen können.
Degree
thesis:*- Level thesis:degree_level
- thesis.doctoral
- Grantor dc:publisher
- Universität Bayreuth
- Year
- 2015
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Rudolph, Jasmine
- Contributors dc:contributor
-
- Döhring, Sieghart
Identifiers
dc:identifier.*- Repository record source_url
- https://epub.uni-bayreuth.de/id/eprint/1902/
- OAI identifier oai:identifier
- oai:epub.uni-bayreuth.de:1902