Back to search

Universität Tübingen

Sequenz- und Sequenzierungseffekte bei der Bearbeitung voraussetzungsreicher Aufgaben

Abstract

Sequenzeffekte bestehen in Variationen der Problemlöseperformanz bei der Bearbeitung multipler Aufgaben in Abhängigkeit von der Reihenfolge, in der die Aufgaben dargeboten werden. Sequenzierungseffekte ergeben sich dagegen, wenn sich die Performanz von Personen, die Aufgaben in einer vorgegebenen Sequenz bearbeiten, von der Performanz derjenigen Personen unterscheidet, die eine davon abweichende Bearbeitungsreihenfolge wählen. Diese Effekte werden für voraussetzungsreiche Aufgaben untersucht, deren Bearbeitung in hohem Ausmaß Vorwissen voraussetzt. Nach dem im theoretischen Teil der Arbeit entwickelten Rahmenmodell können Sequenzeffekte resultieren, wenn sich Aufgabensequenzen in dem Ausmaß unterscheiden, in dem sie Lernprozesse bei der Aufgabenbearbeitung und/oder Wissenstransferprozesse unterstützen. Lernprozesse werden vor allem gefördert, wenn aufeinander folgende Aufgaben in ihrer Komplexität zunehmen, während ein Wissenstransfer insbesondere durch die sukzessive Bearbeitung strukturell ähnlicher Aufgaben begünstigt wird. Im Unterschied zu voraussetzungsarmen Aufgaben sind Lernprozesse bei der Bearbeitung voraussetzungsreicher Aufgaben vorwissensabhängig und können zu umfangreichen Erweiterungen des Wissensbestands eines Problemlösers führen (z.B. Erwerb von Fallwissen). Weiterhin legen Befunde zum analogen Transfer nahe, dass Sequenzeffekte für diese Aufgaben nicht automatisch auftreten, sondern davon abhängen, ob ein Problemlöser potenziell vorhandene strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Aufgaben erkennt. Das Erkennen struktureller Merkmale ist unter anderem abhängig vom Vorwissen sowie von lösungsirrelevanten Oberflächenmerkmalen der Aufgaben, die bei voraussetzungsarmen Aufgaben bedeutungslos sind. Das Rahmenmodell lässt auch Aussagen darüber zu, inwieweit Problemlöser potenzielle Sequenzeffekte strategisch nutzen können, indem sie Aufgaben vor der eigentlichen Bearbeitung zunächst in eine günstige Bearbeitungsreihenfolge zu bringen. Dabei interessiert sowohl die Frage, unter welchen Bedingungen eine solche Aufgabensequenzierung vorgenommen wird als auch, wie die Problemlöseperformanz dadurch beeinflusst wird. Im empirischen Teil der Arbeit zeigt eine Fragebogenstudie zunächst, dass Problemlöser davon ausgehen, dass Sequenzeffekte in Abhängigkeit von einer Anordnung der Aufgaben nach ihrer Komplexität und strukturellen Ähnlichkeit existieren. Zusätzlich geben die Befragten an, eine eigene Reihenfolge für die Aufgabenbearbeitung zu wählen, indem sie einfache Aufgaben zuerst bearbeiten. Die Tatsache, dass Problemlöser sowohl von der Existenz von Sequenz- als auch von Sequenzierungseffekten ausgehen, bildet eine wesentliche Voraussetzung für deren experimentelle Untersuchung. In einer ersten Experimentalserie werden Sequenzeffekte für Algebraaufgaben, deren Oberflächen- und Strukturmerkmale systematisch variiert werden, nachgewiesen. Eine Sequenz, in der oberflächlich ähnliche, aber strukturell verschiedene Aufgaben nacheinander bearbeitet werden, führt zu besseren Problemlöseleistungen als eine nach struktureller Ähnlichkeit geblockte Abfolge der gleichen Aufgaben. Erklärt wird dieser Befund dadurch, dass eine nach Oberflächenmerkmalen geblockte Sequenz strukturelle Unterschiede aufeinander folgender Aufgaben betont und so Lernprozesse bei der Aufgabenbearbeitung fördert. Liegt dagegen bereits Wissen über strukturelle Aufgabenmerkmale vor, kehrt sich dieser Sequenzeffekt um, da Problemlöser dann eher von der Möglichkeit eines analogen Wissenstransfers innerhalb einer nach Strukturmerkmalen geblockten Sequenz profitieren. Demnach interagiert Vorwissen mit der Entstehung von Sequenzeffekten. In der zweiten Experimentalserie zur Bearbeitung von Kombinatorikaufgaben ergeben sich bessere Problemlöseleistungen für eine Aufgabensequenz, in der Aufgaben einer Aufgabenkategorie nach zunehmender Komplexität angeordnet sind und in der strukturell ähnliche Kategorien nacheinander präsentiert werden, als für eine Aufgabensequenz, in der diese Anordnungsprinzipien invertiert sind. Allerdings ist dieser Sequenzeffekt nur in Verbindung mit einer Instruktion zur Aufgabensequenzierung nachweisbar. Schließlich zeigt sich, dass das Sequenzierungsverhalten an die Qualität der Präsentationssequenz adaptiert ist, indem Umsequenzierungen vor allem bei einer ungünstigen Abfolge erfolgen. Vor allem Personen mit hohem Vorwissen verbessern ihre Leistung durch die Sequenzierung und zwar unabhängig davon, ob sie von einer a priori als günstig oder als ungünstig definierten Sequenz abweichen. Dieser Befund sowie weitere Ergebnisse legen nahe, dass die Möglichkeit zur Aufgabensequenzierung eine allgemeine Förderung des Wissenserwerbs und der Problemlöseperformanz bewirkt, indem Elaborations- und Vergleichsprozesse angeregt werden. Insgesamt stützen die Befunde das Modell zur Entstehung von Sequenzeffekten bei der Bearbeitung voraussetzungsreicher Aufgaben sowie die daraus abgeleiteten Annahmen zu Sequenzierungseffekten.

Author and committee

dc:creator, dc:contributor.*
Author
  • Scheiter, Katharina

Identifiers

dc:identifier.*
Identifier
hdl:10900/48547

Chain of custody

source
Harvested from
Universität Tübingen
Base URL
publikationen.uni-tuebingen.de/oai/request
Last updated
2026-08-21
Source record
OAI-PMH GetRecord
related terms
citation

Scheiter, Katharina. Sequenz- und Sequenzierungseffekte bei der Bearbeitung voraussetzungsreicher Aufgaben. 2003.