Universität Tübingen
Geschlechterstereotype - Qualifikationsbarrieren von Frauen in der Fußballtrainerausbildung?
Abstract
Eines der letzten fast vollständig männlichen dominierten Reservoirs des Sports ist der Trainerbereich. Vor dem Hintergrund dieser Einsicht setzt sich die Arbeit mit der Frage auseinander, weshalb Frauen erst gar keine Ausbildung zur Trainerin beginnen oder die begonnene Ausbildung wieder abbrechen. Dabei interessiert insbesondere die Bedeutung von Geschlechtsstereotypen bei der Ausgrenzung von Frauen aus oder der Benachteiligung während der Trainerausbildung. So fragt die Autorin danach, unter welchen Bedingungen z.B. Athletinnen eine Trainerausbildung aufnehmen bzw. die Trainerausbildung wieder abbrechen würden, darüber hinaus werden aber auch Ausbildungskonzepte auf potentiell exkludierende Wirkungen untersucht. Schließlich setzt sich die Arbeit mit den organisationalen Barrieren einer Trainertätigkeit von Frauen auseinander, wobei die Tiefenstrukturen der Sportorganisationen auf deren exkludierende Wirkungen hin beleuchtet werden. Die Dissertation ist in sechs Teile aufgegliedert. Nach einer Darstellung der Problemstellung wird der umfangreiche Literaturbestand zum Thema beleuchtet. Die daraus resultierenden Ergebnisse bilden den Ausgangspunkt für die Untersuchung, indem sie verdeutlichen, an welchen Stellen die Forschungsarbeit auf bereits vor-handenes Material rekurriert und wo neue Wege gesucht werden. Um das Phänomen der Trainerausbildung bzw. der Trainerinnenausbildung darzu-legen, gibt das nächste Kapitel einen Überblick über die Funktion der Trainerlizenzausbildung in Deutschland und speziell im Sächsischen Fußball-Verband. Im Anschluss daran wird die Situation der Trainerinnen im Frauenfußball dargestellt. Hier wird ein besonderes Augenmerk auf die Lage der Trainerinnen im Sächsischen Fußball-Verband gelegt. Das dritte Kapitel skizziert die der Arbeit zugrunde liegenden theoretischen Konzepte. Neben der Systemtheorie Luhmanns stützt sich die Arbeit auch auf theoretische Debatten um Begriffe der Geschlechtsrollen und -stereotype. Dies ist die Grundlage für die anschließende Diskussion über die ex-kludierende Wirkung von Geschlechterstereotypen auf unterschiedlichen Ebenen sozialer Systeme. Die theoretische Diskussion wird hier um einen organisationssoziologischen Aspekt erweitert. Diese Analyse der Organisationsstrukturen macht es u.a. möglich festzustellen, in welchem Maße Entscheidungsprogramme, Hierarchien und Aufgabenverteilungen oder Prämissen der Personalrekrutierung überhaupt eine exkludierende Wirkung von Geschlechterstereotypen erlauben. Auf der Basis dieser theoretischen Überlegungen wird ein Erklärungsmodell, das die komplexen Mechanismen der Exklusion von Frauen aus dem Traineramt im Fußball veranschaulicht, entwickelt. Aus der theoretischen Reflexion heraus wird dann im nächsten Kapitel das Forschungsdesign der Arbeit näher erläutert. Basis der qualitativen Analyse, die der Dissertation zugrunde liegt, war eine Befragung von 27 Personen aus dem Bereich des Fußballs (hauptamtlich Angestellte, Funktionärinnen und Funktionäre, Trainerinnen und Trainer, Spielerinnen) mittels qualitativer Interviews. Die Untersuchungsergebnisse bestätigen die theoretisch hergeleiteten Erwartun-gen. So beginnt die Exklusion von Frauen aus dem Traineramt oft schon lange, bevor sich Frauen überhaupt bewusst Gedanken darüber machen, ob sie Trainerin werden sollen oder nicht. Doch auch wenn sie den Weg einschlagen, sind Frauen im Rahmen der Lizenzausbildung häufig Geschlechtsstereotypen ausgesetzt, die nicht unbedingt in direkt diskriminierender Weise geäußert werden, sondern scheinbar sachlich, wie z.B. in Form eines Hinweises auf die gegenüber den Män-nern deutlich geringere sportartspezifische bzw. sportpraktische Kompetenz der angehenden Trainerinnen. Die Studie zeigt auch ganz deutlich, dass Maßnahmen zur Förderung von weiblichem Trainernachwuchs, die grundsätzlich als positiv herausgestellt werden, durch die typischen Strukturen auf mikrosozialer Ebene im Fußball geradezu ausgehebelt werden. So wird zwar gewünscht, dass Frauen Trainerinnen werden, aber das Ausbildungspersonal scheint genauso wenig in die-ser Hinsicht geschult zu sein wie die männlichen Teilnehmer solcher Kurse. Und so wirken Geschlechtsstereotypen vollkommen unbehindert in der konkreten Interaktion von Männern und Frauen trotz vorgeblicher Integrationsmaßnahmen zur Förderung weiblicher Trainer. Die Ergebnisse der Studie liefern Denkanstösse für die Verbände, die ihre aus-schließlich auf Gleichbehandlungs- bzw. Gleichstellungsprogramme fokussierte Po-litik überdenken müssen, wobei, Gleichstellungsprogramme durchaus nicht in allen Sektoren des Fußballs vorhanden sind. Aber mit Gleichstellungsprogrammen alleine scheint es eben nicht getan zu sein, sondern wichtig ist es darüber hinaus, das Ausbildungspersonal zu schulen und spezifische Coachings anzubieten, die eine Integration von Frauen in den Trainerberuf fördern.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author
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- Weigelt-Schlesinger, Yvonne
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
- hdl:10900/47551