Universität Tübingen
Das Anwendungsproblem der Diskursethik im Hinblick auf interkulturelle Normen- und Wertekonflikte
Abstract
Im Zuge einer immer stärkeren Vernetzung der Welt im so genannten Globalisierungsprozess entstehen neue Handlungsräume, aber auch neue Handlungsnotwendigkeiten. Probleme, welche die Menschen weltweit betreffen, bedürfen zunehmend der Aufmerksamkeit: Umweltzerstörung, Klimawandel, Terror oder soziales Ungleichgewicht sind Schlagworte für globale Herausforderungen, denen nur in internationaler und interkultureller Kooperation begegnet werden kann – sofern überhaupt. Hierbei treffen notwendig partikulare handlungsleitende Normen- und Wertekonzepte aufeinander. Vor diesem Hintergrund diskutiert die vorliegende Arbeit die Praxistauglichkeit des universalistischen, kommunikationstheoretischen Konzepts praktischer Diskurse, wie es von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel vorgeschlagen wurde, vor dem Hintergrund interkultureller Normen- und Wertekonflikte. Beide Autoren verfolgen das Ziel des diskursiv ermittelten Konsenses in moralischen Fragen. Durch eine Überprüfung ihrer bisher ausformulierten Diskursregeln wird jedoch deutlich, dass hier ein Defizit besteht hinsichtlich der Problematik des wechselseitigen Verstehens in interkulturellen Normen- und Wertekonflikten. Als konkretes Problembeispiel hierfür fungiert der Diskurs um das Weltethos, also derjenige kommunikative Prozess, der vor allem von Hans Küng initiiert wurde und der 1993 zu der „Erklärung zum Weltethos“ des Parlaments der Weltreligionen führte. So ist das Anwendungsproblem, dem sich die Arbeit widmet, ein hermeneutisches Problem. Gefragt wird damit nach einer möglichen Ergänzung der Diskursethik-Theorie mit dem Ziel der Förderung des Fremdverstehens und zur Verbesserung der kommunikativen Verständigung in interkulturellen Normen- und Wertekonflikten. Die Antwort besteht darin, das Habermas'sche Diskursethik-Verständnis um eine hermeneutische Perspektive zu ergänzen. Hieraus ergeben sich selbstverständlich Modifikationen seiner Theorie. Die Änderungen, die diese hier neu entwickelte, interkulturelle Diskursethik-Variante vorschlägt, betreffen Begriff und Anspruch, Charakteristika und zentrale Formulierungen sowie die Regeln des Diskurses. Bezüglich Begriff und Anspruch wird eine Zweigleisigkeit befürwortet, die zwar immer noch das Ziel der konsensuellen Einigung gemäß Habermas und Apel anstrebt, diesem jedoch gleichwertig das Ziel des Fremdverstehens zur Seite stellt. Hierfür wird eine neue Diskursform, der hermeneutische Diskurs, vorgeschlagen. Die Habermas'schen Charakteristika "Gründe und Konsens" und "Kantische Tradition" werden so ergänzt um das Diskursziel des "wechselseitigen Verstehens" - mit seinen drei Unterzielen: der Reflexion der Vorannahmen, der urteilsrelevanten emotionalen Aspekte und der Werturteilsfreiheit durch Suspendierung des Konsensgedankens für die Dauer des hermeneutischen Diskurses. Den beiden zentralen Formulierungen der Diskursethik für den praktischen Diskurs werden ergänzend zur Förderung des wechselseitigen Verstehens für den hermeneutischen Diskurs der Billigkeits-Grundsatz und ein dazugehöriges Billigkeits-Handlungsprinzip hinzugefügt. Sie beziehen sich darauf, dass das Ergebnis des Verstehensversuchs, das Fremdurteil, von dem jeweils Beurteilten gebilligt werden können muss. Für beide Diskursformen gilt zudem der Minimal-Grundsatz, der besagt, dass sich beide ergänzen sollen, indem durch ein besseres Verstehen eine fruchtbarere Grundlage für eine moralische Konsensbildung geschaffen wird. Eine die ursprünglichen Regeln ergänzende Übergangsregel ermöglicht es, jederzeit legitimerweise vom praktischen in den hermeneutischen Diskurs überzugehen. Für diese Diskursform werden, anlehnend an die Ideen der interkulturellen Philosophie und insbesondere an Elmar Holenstein, zwölf Regeln zur Vermeidung interkultureller Missverständnisse vorgeschlagen. Insgesamt versteht sich somit die Arbeit als Beitrag zur Verbesserung der Anwendbarkeit der Diskursethik besonders für die kulturenübergreifende Gesprächspraxis.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author
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- Rose, Christina
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
- hdl:10900/46317