Universität Tübingen
Poetische Geschichte - Zum Geschichtsverständnis Hamanns, Herders und Novalis'
Abstract
Die Entstehung der deutschen Geschichtsphilosophie im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde von einer heftigen Debatte über das Verhältnis von Geschichte und Poesie begleitet. Dabei entstand neben der maßgeblich von Kant beeinflussten historisch-kritischen Ausrichtung auch eine zweite Linie, die eine poetische Geschichtsauffassung vertrat. Die spätestens im New Historicism wieder aufgegriffene Grundidee einer poetisierten Geschichte und der heute allgemein anerkannte hermeneutisch-historistische Ansatz der Geschichtswissenschaft wurden besonders von drei großen Geistern dieser Zeit mitgeprägt: Von Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder und Friedrich von Hardenberg, auch Novalis genannt. Herder und Novalis stehen als Dioskurenpaar im Mittelpunkt dieser Arbeit über die Entstehung der poetischen Geschichtsauffassung. Als wichtigster Anreger Herders wird außerdem Hamann hinzugenommen, dessen geschichtsphilosophische Ideen noch so dürftig erforscht sind, dass seine diesbezüglichen Gedanken jeweils in einem eigenen Kapitel den anderen vorangestellt werden. Herder und Novalis genießen heute, jeder in "seinem Bereich", nicht nur bei den jeweiligen Fachwissenschaftlern ein hohes Ansehen: Herder gilt den Historikern und Philosophen als der Vater des Historismus oder allgemeiner als einer der "größten und wirksamsten unter den ersten Wegbahnern des neuen historischen Sinnes im achtzehnten Jahrhundert." Und nicht nur Novalis' Bild von der Blauen Blume, sondern auch sein Name wurde zum Symbol für die Poesie. Aber wie steht es mit dem Historiker Novalis und dem Poeten Herder? Die Historiker und Philosophen, die sich auf Herder beziehen, vergessen meist den poetischen Teil seiner Geschichtsphilosophie und dem Werk des Romantikers Hardenberg wird ebenso oft jeglicher wissenschaftlich-historische Gehalt abgesprochen. Mit dieser einseitigen Betrachtung widerfährt jedoch beiden das gleiche Unrecht, denn im Grunde - so die Hauptthese meiner Arbeit - haben beide dasselbe geschichtsphilosophische Ziel: die poetische Geschichte. Beide verbinden den Anspruch historischer Wahrhaftigkeit mit einem neuen spezifisch poetischen Erkenntnisweg in der Geschichtsforschung und -schreibung. Und nur der Dichter kann für sie die "höhere Wirklichkeit" oder den Zusammenhang aller Dinge (KH VI 161f) erfassen und vermitteln. Das Werkzeug hierzu bildet die Analogie, welcher beide den höchsten Erkenntnischarakter zusprechen. Diese zentralen Punkte der Übereinstimmung zwischen Herder und Novalis finden sich aber auch schon bei Hamann, weshalb seine Leistung auf diesem Gebiet hier erstmals mit gewürdigt werden soll. Am poetischen und philosophischen Werk dieser drei Autoren soll folglich die Geburt einer neuen Geschichtsphilosophie aus dem Geist der Poesie aufgezeigt werden. Der direkte Vergleich der Geschichtsbilder Hamanns, Herders, Schlegels und Novalis‘ zeigt eine deutliche Entwicklungslinie von Hamann über Herder bis zu Novalis, die der hier vertretenen Grundthese einer eigenen Tradition des poetischen Geschichtsverständnisses vollständig entspricht. Hamanns Einfluss erweist sich in diesem Zusammenhang als erheblich bedeutender, als dies in der aktuellen Forschung angenommen wird. Alle drei genannten Autoren postulieren vehement die Einheit von Verstand, Empfindung und Einbildungskraft und stellen sich somit gegen die einseitige Überbetonung der Vernunft als historisch-kritischen Maßstab. Ebenso herrscht Einigkeit über die zentrale Rolle der Analogie für die wahre historische Erkenntnis, die Vergleichbarkeit der individuellen Mikro- mit der allgemeinen Makrogeschichte, die Vorbildfunktion des Alten Testaments, die prophetische Aufgabe des Historikers, die Ablehnung reiner Faktensammlungen und den Anspruch eine pragmatische, weil belehrende Geschichte zu schreiben. Herder und Hamann eint außerdem ihr Vertrauen in den hermeneutischen Zugang zur Geschichte und in die Lenkungsfunktion eines göttlichen Planes sowie die Vorstellung von Gott als dem Urbild des Historikers. Herder und Novalis wiederum teilen den Glauben an eine gewisse, wenn auch nicht konstante und stringente Höherentwicklung in der Geschichte, das beherrschende Prinzip der Anthropologie, das Ideal einer objektiven Geschichtsschreibung und die Vorbildfunktion Shakespeares auch für den Historiker.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author
-
- Kindermann, Thorsten
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
- hdl:10900/46238