Universität Tübingen
Robert Binswangers pathographische Studie über den Schweizer Maler Karl Stauffer-Bern
Abstract
Das Archiv der Universität Tübingen erhielt 1986 den umfangreichen Archivbestand der Binswangerschen Heilanstalt Bellevue, einer privaten psychiatrischen Klinik aus Kreuzlingen. Diese Klinik war bis 1980 über vier Generationen von der Familie Binswanger geführt worden. Der Gesamtbestand des Archivs besteht aus einer umfangreichen Dokumentation von Kranken- und Verwaltungsakten, einem Nachlass Ludwig Binswanger d. Ä. und einem Familienarchiv der Familie Binswanger. Dieser Archivbestand wurde im Rahmen eines umfassenden Forschungsprojekts vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen erschlossen und ausgewertet. Hierzu entstanden zahlreiche Dissertationen. Robert Binswanger (1850-1910) war von 1880 bis zu seinem Tod im Jahr 1910 Leiter der Anstalt. Während seiner klinischen Tätigkeit veröffentlichte er zwei bedeutende Arbeiten. Die eine Publikation behandelt Binswangers Beitrag zur schweizer Irrengesetzgebung. Dieses Thema wurde in der Dissertation von Julia Würthner dargestellt. Die andere Arbeit Robert Binswangers war eine pathographische Studie über den schweizer Künstler Karl Stauffer-Bern, welche er 1894 in der „Deutschen Revue“, einem von einem breiten gebildeten Publikum gelesenen Blatt, publizierte. Die hier vorliegende Dissertation ordnet Binswangers Studie in ihren zeitlichen Kontext ein. Sie widmet sich der Entstehung, dem Inhalt und der Rezeptionsgeschichte dieser Studie Binswangers und beinhaltet die Aufarbeitung und Auswertung der Korrespondenz, die sich im Familienarchiv der Familie Binswanger dazu fand. Hierzu wurde das gesamte bislang unveröffentlichte Material zunächst transkribiert, um es im Anschluss näher zu analysieren. In dem Archiv fanden sich 44 Briefe, Post- und Visitenkarten an Robert Binswanger und 15 von Binswanger selbst verfasste Schriftstücke. Des Weiteren wurden von Binswanger mehr als 20 dazu gehörige Zeitungsartikel aus zehn verschiedenen deutschen und schweizer Tageszeitungen archiviert. Binswanger hatte Sonderdrucke der Studie anfertigen lassen, die er an ausgewählte Personen verschickte, einen Kreis von Medizinern, Juristen, Künstlern und Freunden, von denen Binswanger überwiegend eine anerkennende, positive Würdigung seiner Arbeit erhielt. Da sich auch die schweizerische und deutsche Presse für die Arbeit interessierte, findet sich auch eine umfangreiche Korrespondenz mit Redaktionen verschiedener Zeitungsblätter, wie zum Beispiel der Thurgauer Zeitung, der Münchner Allgemeinen Zeitung oder dem Berliner Tagblatt. Eine besondere Rolle spielte in der öffentlichen Auseinandersetzung, daß der Maler Max Klinger, der sich von Binswanger beleidigt fühlte, sich zur Wehr setzte und in einer Berliner Zeitungsredaktion handgreiflich wurde. Anhand der in der vorliegenden Arbeit analysierten Korrespondenz erfährt man erstmalig, wie sehr Binswanger über das Ausmaß dieser „Klinger-Affäre“ betrübt war, da so die eigentlichen Absichten, die ihn zur Veröffentlichung der Studie gebracht hatten, aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit gerieten. Es war nämlich Binswangers besonderes Anliegen, den Künstler Stauffer-Bern, der von der Öffentlichkeit in seinen Augen als kriminell diffamiert wurde, als psychisch Kranken darzustellen und damit zu rehabilitieren. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass Robert Binswanger durch die Veröffentlichung der Studie in der Deutschen Revue seine eigene Person als klinisch tätiger Psychiater und die in seiner Klinik vorhandene Fachkompetenz einem ausgewählten Publikum innerhalb des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums näher bekannt machen und für das Ansehen der Psychiatrie in der Öffentlichkeit eine Lanze brechen wollte. Binswanger ist damit zu einem Wegbereiter der Pathographie als Genre geworden.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author
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- Neubert, Melanie
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
- hdl:10900/45983