Universität Tübingen
Metakognition, Lateralität und Psychopathologie bei Patienten mit Schizophrenie
Abstract
Der Grad der Krankheitseinsicht hat Bedeutung für die Selbstwahrnehmung wie auch für Behandlung und Prognose von Patienten mit Schizophrenie. Mit der vorliegenden Arbeit sollte untersucht werden, ob sich Patienten von gesunden Kontrollprobanden hinsichtlich metakognitiver und lateralitätsbezogener Fähigkeiten unterscheiden. Weiterhin stellte sich die Frage nach Korrelationen zwischen Krankheitseinsicht (sowie anderen psychopathologischen Variablen) und Metakognition bzw. Lateralitätsmaßen innerhalb der Patientengruppe. METHODIK: 27 Patienten mit Schizophrenie und 19 gesunde Kontrollprobanden nahmen an den Untersuchungen teil. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich Geschlechterverteilung, Alter, Ausbildung, verbaler Intelligenz und Arbeitsgedächtnis. Insgesamt wurden 5 Versuche durchgeführt. Versuch I diente der Untersuchung der objektiven Gedächtnisleistung (Memory Accuracy) und der Einschätzung der eigenen Gedächtnisleistung (Confidence Level). Mit Versuch II wurde die Fähigkeit zur subjektiven Selbst- und Fremdeinschätzung untersucht, wobei die Probanden Adjektive, die Persönlichkeitseigenschaften beschreiben, verschiedenen Personen zuschreiben sollten. Die Versuche III-V befassten sich mit lateralitätsbezogenen Fähigkeiten und sollten Objektwahrnehmungsstörungen bzw. eine Störung der visuellen Daueraufmerksamkeit (Extinktion bei bilateral-simultaner Stimulation) untersuchen. Die Versuche wurden an einem Computer durchgeführt, wo die Stimuli am Bildschirm präsentiert wurden und die Probanden durch Tastendruck antworteten. Abhängige Variablen waren immer Reaktionszeit und Fehlerrate. ERGEBNISSE: Versuch 1: Es konnte gezeigt werden, dass zwischen Patienten und Kontrollen keine Unterschiede in der Gedächtnisleistung (Memory Accurracy) bestehen, die Selbsteinschätzung der Gedächtnisleistung (Confidence Level) bei den Patienten jedoch beeinträchtigt ist. Mit steigender Krankheitseinsicht nimmt die Anzahl der Erinnerungsfehler bei den Patienten ab. Versuch 2: Die Patienten weisen signifikant längere Reaktionszeiten zur Selbst- aber nicht zur Fremdeinschätzung im Vergleich zu Gesunden auf. Die relative Selbsteinschätzungszeit korreliert positiv mit der Krankheitseinsicht. Versuche III-V: Die Untersuchung lateralitätsbezogener Fähigkeiten konnte keine groben Defizite i.S. einer Neglectsymptomatik aufzeigen. Vielmehr zeigte der Versuch zur visuellen, lateralitätsspezifischen Daueraufmerksamkeit ein rechtshemisphärisches Verarbeitungsdefizit. Die Lateralitätsmaße korrelieren mit der Einsicht wie auch mit der Positivsymptomatik (formale Denkstörungen bzw. Misstrauen). SCHLUSSFOLGERUNG: Die adäquate Einschätzung der eigenen Gedächtnisleistung ist bei den Patienten beeinträchtigt. Die Beeinträchtigung der Selbsteinschätzung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Gedächtnisleistung, sondern betrifft die Selbsteinschätzung in einem globalen Sinn. Die relative Selbsteinschätzungszeit korreliert mit der Krankheitseinsicht, was damit zusammenhängen könnte, dass sich Patienten mit größerer Einsicht eher mit sich selbst und damit ihrer Krankheit auseinander setzen. Eine andere Erklärung wäre, dass das bisherige Selbstbild durch das Bewusstwerden der Krankheit stark verändert wird. Die im Extinktionsexperiment gefundenen Hinweise auf rechtshemisphärische Reizverarbeitungsstörungen weisen auf eine mögliche Beziehung zu anosognostischen Störungen hin, bei denen auch rechtshemisphärische Hirnläsionen für das Nichterkennen der eigenen Krankheit verantwortlich gemacht werden.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author
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- Durst, Volker
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier
- hdl:10900/44651