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Universität Tübingen

Die Archäologie des östlichen Châtelperronien. Lithische Technologie, Chronologie und Implikationen zur Akkulturationshypothese am Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum in Europa

Abstract

Das Châtelperronien datiert auf ca. 40.5-45 ka cal BP und liegt damit am Übergang zwischen Mittel- und Jungpaläolithikum. Bislang sind nur Fundstellen in Frankreich bekannt, mit einigen wenigen in Nordspanien (Soressi & Roussel 2014). Die höchste Fundstellendichte des Châtelperronien befindet sich westlich des Zentralmassivs, während im Osten Frankreichs nur eine Handvoll Fundstellen bekannt ist. Zu diesen zählt die namensgebende Fundstelle des Châtelperronien, die Grotte des Fées in Châtelperron, die östlichste bekannte Fundstelle Grotte de la Verpillière I in Germolles und die wichtige Fundstelle Grotte du Renne in Arcy-sur-Cure (Floss 2003; 2005; Soressi & Roussel 2014). Da das Châtelperronien bislang hauptsächlich mit Neandertaler-Überresten assoziiert werden konnte (Bailey & Hublin 2006; Welker et al. 2016), die Technologie allerdings Elemente beinhält, die normalerweise mit H. sapiens in Verbindung gebracht wird (d’Errico et al. 2003; Caron et al. 2011; Vanhaeren et al. 2019), ist das Châtelperronien ein wichtiges Element der Debatte um die sogenannte „kulturelle Modernität“ beim Neandertaler. Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Arbeit zu Beginn mit der Definition des Châtelperronien und seiner Technologie, der paläoanthropologischen Debatte sowie mit den Definitionen der „kulturellen Modernität“ und der verschiedenen Akkulturationshypothesen. Dies wird gefolgt von der Vorstellung des Châtelperroniens im Osten Frankreichs. Im Zuge der Arbeit wurden die dort bereits bekannten Fundstellen neu bewertet und weiteren Hinweisen auf mögliche Châtelperronien-Fundstellen nachgegangen. Hierfür wurden Sammlungen aus dem Musée Denon in Chalon-sur-Saône, dem Musée d’Archéologie Nationale in Saint-Germain-en-Laye, dem Musée des Beaux-Arts in Dole, dem Musée National de Préhistoire in Les-Eyzies-de-Tayac, dem Musée Anne de Beaujeu in Moulins, der Integrativen Prähistorischen und Naturwissenschaftlichen Archäologie in Basel und dem British Museum in London neu aufgenommen und ausgewertet. Weitere Fundstellen wurden durch Literaturrecherche ausfindig gemacht und aufgrund der bekannten Quellenlage bewertet. Die in der Arbeit vorkommenden Fundstellen sind La Tour Fondue, Theillat, Grotte des Fées und Tilly für das Département Allier, die Fundstellen Neuzy-Paray, Grotte de la Folatière, Rue Cataux und Champ de Fourches in Chenôves, La Petite Grotte, Saint-Désert, La Roche in Saint-Martin-sous-Montaigu, mehrere Gemarkungen in Dracy-le-Fort sowie die Grottes de la Verpillière I und II im Département Saône-et-Loire. Im Département Côte d’Or wurde die Fundstelle Abri Virely betrachtet, für das Département Jura die Fundstellen Trou de la Mère Clochette, Frettes und die Freilandfundstellen Montbleuse und Vantoux. Im Département Yonne liegen die Fundstellen Roche-au-Loup, Grotte du Bison und Grotte du Renne, die für diese Arbeit ausgewertet wurden. Eine letzte Fundstelle, die für die Arbeit relevant wurde, befindet sich in Zeiningen in der Schweiz. Aufgrund der hohen Menge an Fundstellen wurden unterschiedliche Methoden der Aufnahme und Analyse angewandt. In Fällen großer Sammlungen wie der Grotte du Renne wurde der Fokus auf einzelne Artefaktkategorien gelegt, wobei vor allem die Kerntechnologie im Vordergrund stand. Bei Fundstellen, die nur wenige Artefakte aufwiesen, konnten alle Fundstücke aufgenommen werden. In diesen Fällen wurde, sofern möglich, Arbeitsschrittanalysen der Kerne angestellt. Manche Fundstellen konnten nur auf Basis der Literatur bewertet werden. Bei der Auswertung der verschiedenen Fundstellen aus dem Osten Frankreichs und dem Norden der Schweiz wurden unterschiedliche Grade der Zuverlässigkeit festgestellt, die von eindeutigen Châtelperronien-Fundstellen bis hin zu Fundstellen gingen, für welche die Anwesenheit eines Châtelperronien abgelehnt wird. Für die folgende Zusammenfassung wurden die Fundstellen in vier Gruppen unterteilt: Gruppe 1: Gesicherte Fundstellen Die Fundstelle besitzt nach Einschätzung der Autorin eindeutige Belege für die Präsenz eines Châtelperronien. Zu diesen zählen unter anderem Châtelperronspitzen, Kerne, welche in die technologische Variationsbreite des Châtelperronien fallen, eine passende Begleitindustrie mit Fokus auf rückenretuschierten Elementen und Kratzern an massiven Grundformen oder eine verlässliche Stratigraphie oder Datierung. Gruppe 2: Mögliche Fundstellen Die Fundstelle kann nach Einschätzung der Autorin plausibel dem Châtelperronien zugeordnet werden, es fehlen allerdings charakteristische Merkmale, die diese Einstufung unanfechtbar machen. Fundstellen in dieser Gruppe besitzen entweder eindeutige Châtelperronspitzen, die nicht so leicht mit anderen rückengestumpften Elementen verwechselt werden können, oder fallen aufgrund ihrer Technologie in das Spektrum des Châtelperronien. Gruppe 3: Unsichere Fundstellen Die Fundstelle weist nach Einschätzung der Autorin Elemente auf, die in das Châtelperronien passen können, allerdings fehlen belastbare Belege. In diese Gruppe fallen besonders Fundstellen, für welche nur vereinzelte mögliche Châtelperronspitzen existieren, solche, die keine Begleitindustrie aufweisen, oder solche, die für die vorliegende Arbeit nicht persönlich betrachtet werden konnten und über keine gute Quellenlage verfügen. Gruppe 4: Abgelehnte Fundstellen Die Fundstelle kann nach Einschätzung der Autorin anhand der momentanen Datenlage nicht als Châtelperronien betrachtet werden. Zu dieser Gruppe zählen Fundstellen mit rückengestumpften Elementen, die fälschlicherweise als Châtelperronspitzen identifiziert wurden, solche, für welche nur einzelne Stücke existieren, die zwar Châtelperronien-Affinitäten aufweisen, allerdings auch in andere Zeiten eingestuft werden könnten, oder solche, bei denen der Fundkontext zu unsicher ist. Zu den gesicherten Fundstellen zählen nach Ansicht der Autorin die Fundstelle Grotte de la Verpillière I (Floss et al. 2016), die mindestens 48 Châtelperronspitzen aufweist, die aus verschiedenen Zonen der Fundstelle stammen. Trotz der langen und komplexen Grabungsgeschichte konnte auch noch ein Überrest der ehemals intakten Châtelperronienschicht gefunden werden, die eine Châtelperronspitze barg. Kerne und Begleitindustrie des Châtelperronien existieren aus dieser Schicht aufgrund ihrer geringen Größe nicht, aus dem Inventar der durchmischten Schichten und der Altgrabungen konnten allerdings Kerne identifiziert werden, die zumindest in ihrer Technologie dem Châtelperronien anderer Fundstellen ähneln. Für die Grotte de la Verpillière II (Frick 2016b) existiert nur eine einzelne Châtelperronspitze, die zudem aus gestörtem Kontext stammt. Da es sich allerdings um ein eindeutiges Exemplar handelt und die Distanz zur Fundstelle VP I kaum 50 m beträgt, hält die Autorin es für plausibel, die VP II als eine Erweiterung des Châtelperronien der VP I zu betrachten. Die Grotte des Fées (Angevin et al. 2021) ist als eponyme Fundstelle des Châtelperronien über alle Zweifel erhaben. Aus ihr stammen über 70 Châtelperronspitzen, mindestens fünf Châtelperronkratzer, 77 Klingen-, bzw. Lamellenkerne und eine dazugehörige Châtelperronien-zeitliche Industrie. Eine exakte Zuordnung der einzelnen Artefakte ist aufgrund der komplexen Forschungsgeschichte und der durchmischten Stratigraphie nicht immer möglich, Werkzeugformen des Châtelperronien machen allerdings nach Ansicht der Autorin den Großteil des Inventars aus. Die Grotte du Renne (Connet 2002; 2019b) mit ihren drei Châtelperronien-Schichten, einem Werkzeuginventar von über 80.000 lithischen Artefakten, darunter über 1000 Kernen und 380 Châtelperronspitzen ist eine gesicherte Fundstelle des Châtelperronien. Zweifel über die stratigraphische Intaktheit sind berechtigt, müssen aber von Fall zu Fall betrachtet werden. Grotte du Bison (David et al. 2006) ist weniger eindeutig als die Nachbarfundstelle Grotte du Renne. Vor allem die verhältnismäßig jungen Datierungen und die fehlenden Abbildungen eindeutiger Châtelperronspitzen machen es schwierig die Fundstelle einzuordnen. Sie bleibt aber nach Ansicht der Autorin bei den gesicherten Fundstellen aufgrund der direkten Nachbarschaft zur Grotte du Renne, zu der sie auch eine Verbindung aufweist. Weitergehende Analysen oder detailliertere Publikationen wären allerdings wünschenswert. Aufgrund der Bestätigung der Präsenz von Châtelperronspitzen kann Roche-au-Loup (Bodu et al. 2014; Horard-Herbin 1990) weiterhin als gesicherte Châtelperronien-Fundstelle gewertet werden. Auch hier wären allerdings detailliertere Auswertungen notwendig, um ein besseres Bild dieser Fundstelle zu erhalten. Zu den Fundstellen, die nach Ansicht der Autorin als mögliche Châtelperronien-Fundstellen bezeichnet werden können, zählt zum einen La Roche, bei Saint-Martin-sous-Montaigu (Herkert 2020). Aus dieser Fundstelle existieren mindestens neun mögliche Châtelperronspitzen und insgesamt ein hoher Anteil an rückengestumpften Elementen. Lokal kommen sowohl Aurignacien als auch Moustérien vor, und die Châtelperronien-Fundstelle Germolles liegt nur ca. 3 km entfernt. Eine weitere Untersuchung dieses Lokus wäre auf jeden Fall von höchstem Interesse. Bei den Funden der Rue Cataux bei Chenôves (Gros & Gros 2005)ist die Datenlage etwas geringer, zwei der Artefakte sind allerdings eindeutige rückengestumpfte Artefakte, eines davon scheint sogar eine eindeutige Châtelperronspitze zu sein. Mögliche Châtelperronkratzer existieren ebenfalls, und die Lage der Fundstelle konnte ungefähr bestimmt werden. Ob allerdings noch Potential für weitere Arbeiten existiert, ist unsicher. La Tour Fondue bei Chauriat (Pasty et al. 2012) weist eine Stratigraphie von Mittel- zu Jungpaläolithikum auf, in welcher mögliche Châtelperronien-Artefakte entdeckt wurden. Eindeutige Châtelperronspitzen wurden leider nicht publiziert und die gelieferten Datierungen sind etwas zu jung. Das Begleitinventar scheint allerdings nach Angabe der Autoren in das Châtelperronien zu passen, ebenso die Kerne. Eine detailliertere Publikation der Funde wäre von Vorteil, um eine eindeutige Einstufung zu erlauben. Ein besonderer Fall ist die Fundstelle La Petite Grotte in Saint-Vallerin (Floss et al. 2022). Eindeutige Châtelperronspitzen sollen existieren, werden allerdings durch deren Entdecker von der Wissenschaft ferngehalten, ebenso wie die genaue Lage der Fundstelle. Durch Recherche-Arbeiten der Arbeitsgruppe Floss konnte zumindest die Höhle ausfindig gemacht werden, ohne den Fund von Châtelperronspitzen muss Saint-Vallerin dennoch nur als mögliche Fundstelle betrachtet werden. Besonders interessant ist die Fundstelle Frettes (Lamotte et al. 2014). Hier existieren mindestens drei mögliche Châtelperronspitzen sowie Kerne, die in die Variationsbreite des Châtelperronien fallen. Da in erster Linie ein Moustérien an der Fundstelle beschrieben wird und kein anderes jungpaläolithisches Ensemble erwähnt wird, könnte es sich bei den Fundstücken um ein Châtelperronien handeln. Da die Stücke noch nicht von der Autorin persönlich betrachtet wurden, kann an dieser Stelle aber kein eindeutiger Schluss gezogen werden. Während in den zuvor genannten Fundstellen Châtelperronspitzen den Ausschlag für eine Einstufung in das Châtelperronien gaben, ist die Fundstelle Uf Wigg aufgrund deren Abwesenheit nur bei den möglichen Châtelperronien-Fundstellen eingestuft (Brogli 1975). Nach Ansicht der Autorin handelt es sich bei Uf Wigg um ein früh-jungpaläolithisches Inventar, das in seiner Technologie durchaus in die Variationsbreite des Châtelperronien fällt. Ohne das Leitfossil Châtelperronspitze ist eine eindeutige Zuweisung allerdings nicht möglich. Drei Fundstellen wurden als unsichere Châtelperronien-Fundstellen eingestuft. Zum einen handelt es sich um die Gemarkung „La Foussotte” bei Dracy-le-Fort, wo eine mögliche Châtelperronspitze entdeckt wurde (Gros & Gros 2005). Da es sich um eine Oberflächensammlung handelt und der Kontext des einzelnen Stückes unsicher ist, sollte dieses Artefakt kritisch betrachtet werden. Die Fundstelle Neuzy-Paray (Peyrouse et al. 2007), deren genaue Verortung leider aus mangelnder Quellengrundlage nicht möglich war, besitzt eine eindeutige Châtelperronspitze, die aus einer Grabung stammen soll. Sie wird als mögliche Fundstelle eingestuft, da der Kontext nicht eindeutig gegeben ist, die Lage unbekannt ist und weitere Forschungen aufgrund der unsicheren Datengrundlage kaum möglich sind. Zu untersuchen, ob in der Region zwischen Germolles und Châtelperron noch weitere Châtelperronien-Fundstellen liegen, könnte allerdings noch interessante Resultate erbringen. Obwohl die Stücke von Abri Virely, Saint-Aubin (Joly 1959) verschollen sind, sind die zwei Châtelperronspitzen zumindest der Abbildung nach eindeutig genug, um von einem Châtelperronien sprechen zu können. Bei eigenen Begehungen konnten mehrere Höhlen entlang der Falaise von Saint-Aubin gefunden werden, und auch Artefakte wurden in einem Dachsbau entdeckt. Ob eine mögliche Châtelperronienschicht noch vorhanden sein könnte, ist allerdings unklar und auch der Kontext der Funde ist nicht beschrieben. Acht Fundstellen, die während der Recherchen zum Châtelperronien im Osten Frankreichs von Interesse waren, müssen als Châtelperronien-Fundstellen abgelehnt werden. Dazu gehören die drei Fundstücke der Oberflächenfundstellen „Champ au Geny“ bei Vantoux und „Sur la Prairie“ bei Montbleuse. Obwohl sie auf den ersten Blick sehr Châtelperronien affin sind, ist die Methode der Retusche zu atypisch, um bei solch isolierten Funden von einem Châtelperronien zu sprechen. Sollten weitere Funde in dieser Gegend gemacht werden, welche die drei Artefakte in einen genaueren Kontext stellen, könnte sich diese Einschätzung vielleicht ändern, aber zum jetzigen Zeitpunkt muss von einer Einstufung ins Châtelperronien abgesehen werden. Die Fundstelle Theillat bei Sanssat (Raynal et al. 1989) muss ebenfalls als Châtelperronien-Fundstelle verworfen werden, da von den vier entdeckten lithischen Artefakten nur eines eine Lateralretusche aufweist, die nicht für eine Definition als Châtelperronspitze genügt. Die Gemarkung „Champ de Fourches“ bei Chenôves (Gros & Gros 2005; Herkert 2020) lieferte zwar kleine rückengestumpfte Elemente, aufgrund der Anwesenheit von Azil-Spitzen kann aber auch hier nicht von einem Châtelperronien gesprochen werden. Die Grotte de la Folatière (Herkert 2020) besitzt zwar eine Besiedlungsgeschichte vom Mittelpaläolithikum über das Aurignacien, Gravettien, vielleicht Solutréen und in postpaläolithischen Zeiten hinein, aufgrund der Anwesenheit des Gravettien kann allerdings die vereinzelte gebogene rückengestumpfte Klinge nicht als Châtelperronspitze definiert werden. Die Gemarkung „Les Varennes“ von Dracy-le-Fort (Gros & Gros 2005) weist keine eindeutigen Châtelperronspitzen auf, ebenso wie die Fundstelle Saint-Désert. Auch kein besonders Châtelperronien-typisches Begleitinventar konnte identifiziert werden. Beide Fundstellen werden daher nicht in das Châtelperronien eingestuft. Bei der Fundstelle Trou de la Mère Clochette (Feuvrier 1907; Brou 2009c) schließlich wird den Voruntersuchern zugestimmt, dass die rückengestumpften Elemente Teil des Gravettien sind. Manche weisen eine stärkere Affinität zum Châtelperronien auf, ohne eine genauere stratigraphische Auflösung ist allerdings eine Zuordnung zum Gravettien die naheliegendste Erklärung. Die Fundstelle Tilly wurde als mögliche Châtelperronien-Fundstelle verworfen, da die Hinweise hierauf ihre Ursache in einer Fehlbeschriftung der Artefakte von Châtelperron hatte. Abschließend konnte gezeigt werden, dass der Osten Frankreichs mehr Hinweise auf die Präsenz des Châtelperronien aufweist, als bislang geglaubt. Ansatzpunkte für weitere Forschungen sind neue Ausgrabungen und Oberflächenbegehungen an vielversprechenden Loki im Département Saône-et-Loire und auch eine gezielte Suche in den „Lücken“ der Verbreitung könnte zu neuen Erkenntnissen führen. Weiterhin wurde gezeigt, dass die Kerntechnologie des Châtelperronien in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeiten zur Kerntechnologie des Aurignacien auf der Schwäbischen Alb aufweist, während sich vor allem das Werkzeuginventar unterscheidet. Zu den Ähnlichkeiten zählen der auf Abbau unterschiedlicher Flächen ausgerichtete Klingenabbau, der durch das Anlegen oder Ausnutzen seitlicher Kanten initiiert wird (Hahn 1988; Bataille & Conard 2018; Roussel 2011). Während des Abbaus von Klingen findet integriert der Abbau von technologischen Abschlägen statt, welche im Châtelperronien zu Châtelperronkratzern retuschiert, im Aurignacien als gekielte Stücken verwendet werden. Eine spezifische Lamellenindustrie ist im Châtelperronien allerdings nur an manchen Fundstellen belegt (Roussel et al. 2016), während an anderen ein progressiver Abbau von Klingen zu Lamellen stattfindet. Kerne an massiven Abschlägen, welche in geringer Intensität über eine Kante hinweg abgebaut wurden, werden von der Autorin als ein typisches Artefakt des Châtelperronien definiert. Sie weisen gewisse Ähnlichkeiten zu Kielkernen auf, allerdings ohne deren systematischen Lamellenabbau. Zu den Unterschieden zählen reguläre Anwesenheit von spezialisierter knöcherner Industrie im Aurignacien (Kitagawa & Conard 2020), die Abwesenheit von Stücken mit typischer Aurignacienretusche und Spitzklingen im Châtelperronien, sowie die gezielte, systematische Produktion von Lamellen an gekielten Stücken. Dufour-Lamellen treten gelegentlich im Châtelperronien auf (Roussel 2014), allerdings existieren dazu noch nicht genügend Daten, um es als eine reguläre Werkzeuggruppe des Châtelperronien zu definieren. Nach Ansicht der Autorin ist das Châtelperronien zumindest in seiner lithischen Technologie dem frühen Jungpaläolithikum daher sehr viel ähnlicher als den vorhergehenden lokalen Technologien. Eine Erklärungsmöglichkeit hierfür ist die Transkulturation (Le Brun-Ricalens 2019), bei welcher die lokale Population – unabhängig von der Spezies – entweder direkt oder indirekt in Kontakt mit anderen Technologien gekommen ist und diese in veränderter Form übernommen hat. Die Existenz von Überschneidungen in der Kerntechnologie spricht nach Ansicht der Autorin für einen indirekten Kontakt zwischen den Populationen, den contact along the pathways (Tostevin 2007). Auch für diese Fragestellung wird es allerdings notwendig sein, weitere Daten zu sammeln. Besonders eine eindeutige Bestimmung der Menschenart, welche Trägerin des Châtelperronien war, ist dafür vonnöten, aber auch mehr Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Technologien, die zu diesem Zeitpunkt in und außerhalb Europas existierten. Zum Zweck solcher Vergleiche finden sich im Anhang Abbildungen zu allen aufgenommenen Kernen. Hierdurch soll die Problematik unterschiedlicher Terminologien umgangen und die Möglichkeit geschaffen werden, weitreichende technologische Vergleiche anzustellen.

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Author
  • Würschem, Heike

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hdl:10900/172863

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2026-08-21
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