Freie Universität Berlin
Kommunikation als zentrales Element in der psychosomatischen Medizin
Abstract
dc:description.abstractHintergrund und Zielsetzung Die Arbeitssituation von Ärzten steht gegenwärtig im Fokus der Öffentlichkeit. Gleichwohl haben wenige Untersuchungen die Arbeit von Klinikärzten objektiv analysiert. Es wurde dabei unter anderem ein Rückgang an Zeit für Gespräche mit dem Patienten festgestellt. In der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie bildet die Kommunikation jedoch den Grundbestandteil der Arbeit mit dem Patienten und ist darüber hinaus Voraussetzung für ein multipersonelles Arbeiten im Team. Das Arbeitsgebiet Psychosomatik ist aufgrund der Abdeckung von somatischen und psychischen Behandlungsaspekten durch eine hohe Varianz an Tätigkeiten gekennzeichnet. Des Weiteren weisen Studien in der Psychosomatik besonders hohe Arbeitsanforderungen nach. Ziel der vorliegenden Studie war es deshalb, anhand einer Tätigkeitsanalyse das umfassende Feld der Psychosomatik erstmalig objektiv zu erfassen, um die Zeitanteile und die Bedeutung der Kommunikation im Arbeitstag von Ärzten und Psychologen zu ermitteln. Ferner wurden die Anforderungen, Ressourcen und die Arbeitszufriedenheit in diesem Fachgebiet erfragt, um einen Einblick in subjektive Faktoren der Arbeitssituation zu erhalten. Methodik Mithilfe einer objektiven Tätigkeitsanalyse wurden 60 Arbeitstage von 20 Ärzten und Psychologen in stationär psychosomatischen Fachabteilungen erfasst. Um der Komplexität des Tätigkeitsfeldes gerecht zu werden, wurden drei Untersuchungsgruppen gebildet: Ärzte mit internistischem Schwerpunkt (Ä1), Ärzte mit psychotherapeutischem Schwerpunkt (Ä2) und Psychologen (P). Nach dem Literaturstudium wurde ein Tätigkeitskatalog erstellt, der die einzelnen Tätigkeiten in Ober- und Unterkategorien aufgliederte. Die Tätigkeitsanalyse wurde durch einen Beobachter computerbasiert durchgeführt und ermöglichte eine zeitgenaue Erfassung. Die Reliabilität der Methodik wurde geprüft. Außerdem wurden Fragebögen an die Ärzte und Psychologen ausgeteilt, die auf Grundlage von Skalen aus dem Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ) und aus dem Fragebogen zur Selbstwirksamkeit- Optimismus- Pessimismus (SWOP- K9) erarbeitet wurden. Ergebnisse Die Tätigkeitsanalyse wies eine deutlich unterschiedliche Verteilung der Tätigkeiten zwischen den Untersuchungsgruppen auf. Die Untersuchungsgruppen P und Ä2 verzeichneten die höchsten Zeitanteile in der Kategorie Therapie (P: M= 40,27%, 95%- KI 31,96%- 48,59%; Ä2: M= 31,08%, 95%- KI 20,19%- 41,97%). Weitere wesentliche Zeitanteile waren in den Kategorien Besprechung mit Kollegen und Administration/ Dokumentation anzutreffen. Die Untersuchungsgruppe Ä1 zeigte hingegen die höchsten Zeitanteile in den Kategorien Administration/ Dokumentation (M= 24,27%, 95%- KI 17,14%- 31,41%), Besprechung mit Kollegen und der Krankenvisite. Psychotherapie war hingegen in der letztgenannten Gruppe (Ä1) nur mit äußerst geringen Zeitanteilen nachzuweisen. Hinsichtlich der Zeitanteile für Kommunikation fand sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Untersuchungsgruppen (chi²= 12,41; df= 2; p< .01). Während in den Untersuchungsgruppen Ä2 und P fast zwei Drittel des Arbeitstages an Kommunikation zuzuordnenden Tätigkeiten anzutreffen waren, wies die Gruppe Ä1 einen deutlich geringeren Zeitanteil auf. Dabei unterschieden sich insbesondere die Zeitanteile für Kommunikation mit dem Patienten (chi²= 11.17; df= 2; p< .01). Die Untersuchungsgruppen Ä2 und P fanden hauptsächlich im Rahmen der Psychotherapie den Kontakt zum Patienten, die Gruppe Ä1 wies hingegen in der Visite die höchsten Zeitanteile für Patientenkommunikation auf. Für die Kommunikation mit Kollegen fanden sich ebenfalls Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen, hier zeigte die Gruppe P einen geringeren Zeitanteil gegenüber den Gruppen Ä1 und Ä2. Die Fragebogenanalyse wies ein weites Spektrum an Anforderungen und Ressourcen der in der Psychosomatik tätigen Ärzte und Psychologen nach. Es wurden dabei insbesondere die sehr hohen emotionalen Anforderungen angegeben. Ferner wurde der eigenen Arbeit eine hohe Bedeutung zugesprochen und ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl angeführt. Die Arbeits- und Lebenszufriedenheit wurden mit Werten im mittleren Bereich erfasst. Dabei zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit und den Zeitanteilen für die Patientenkommunikation. Schlussfolgerung Anhand der objektiven Analyse wurden erstmals die Tätigkeiten von Ärzten und Psychologen in der stationären Psychosomatischen Medizin zeitgenau erfasst. Es zeigten sich dabei unterschiedliche Schwerpunkte der Tätigkeiten, resultierend aus dem umfassenden Behandlungsangebot. Die Kommunikation in diesem Fachgebiet wies in der psychotherapeutischen Arbeit mit dem Patienten den größten Stellenwert nach. Für überwiegend internistisch arbeitende Ärzte lag hingegen der Schwerpunkt der Kommunikation mit dem Patienten in der Visite. Ferner wurde die Kommunikation mit anderen Teammitarbeitern ihrem Anspruch, die Voraussetzung für ein multipersonelles Konzept zu bilden, nur gerecht. In den Ergebnissen der Kommunikationsanalyse spiegelt sich demnach die Heterogenität des Fachs wider. Das Gebiet Psychosomatische Medizin zeigte überdies insgesamt hohe Arbeitsanforderungen, durch die therapeutische Arbeit waren insbesondere hohe emotionale Anforderungen von Bedeutung. Gleichwohl kann die aus der therapeutischen Arbeit resultierende hohe kommunikative Ausprägung der Psychosomatik als positive Ressource gewertet werden. Die erhobenen Daten geben einen Einstieg zur Diskussion von Arbeitsgestaltungsprozessen in der psychosozialen Medizin. Von weiterführendem Interesse wäre eine Miteinbeziehung der Auswirkungen der Arbeitssituation von Ärzten auf die Qualität der Patientenbehandlung in der Psychosomatik.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Steinle, Sonja
Subjects
dc:subject × 3Rights
- Licence dc:rights.uri
- Language dc:language
- ger
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier URI
- http://dx.doi.org/10.17169/refubium-8785