Freie Universität Berlin
Die Anwendung von medizinischen Terminologien auf Freitext in Routinedatenbanken am Beispiel von Strategien zur Reduktion der Säuglingssterblichkeit
Abstract
dc:description.abstractHintergrund Die Säuglingssterblichkeitsrate (IMR), ein wichtiger Indikator für die Qualität eines Gesundheitssystems, liegt in Deutschland seit 10 Jahren bei rund 3.5‰. Generische Qualitätsindikatoren (QIs), wie sie seit 2010 in Deutschland verwendet werden, tragen wesentlich zu einem so guten Wert bei, scheinen aber nicht in der Lage zu sein, den IMR weiter zu reduzieren. Die neonatale Sterblichkeitsrate (NMR) trägt zu 65-70% der IMR bei. Der vorgestellte Ansatz schlägt daher eine Einzelfallanalyse neonataler Todesfälle auf der Grundlage von Krankenakten vor. Die meisten elektronischen Krankenakten enthalten noch immer große Mengen an Freitextdaten. Die semantische Auswertung solcher Daten erfordert, dass die Daten mit ausreichenden Klassifizierungen kodiert oder in eine wissensbasierte Datenbank umgewandelt werden. Methodik Die Nordic-Baltic-Classification (NBC) wurde zur Erkennung vermeidbarer neonataler Todesfälle verwendet. Diese Klassifikation wurde auf eine Stichprobe von 1.968 neonatalen Todesfällen angewandt, die über 90% aller neonatalen Todesfälle in Ost-Berlin von 1973 bis 1989 darstellen. Alle Fälle wurden damals von einer speziellen Kommission verschiedener Experten auf der Grundlage der vollständigen perinatalen und klinischen Daten auf ihre Vermeidbarkeit hin analysiert. Der entwickelte Ansatz ermöglicht es, Datenbanken, die über SQL (Structured Query Language) zugänglich sind, direkt über semantische Abfragen zu durchsuchen, ohne dass weitere Transformationen erforderlich sind. Dazu wurden 1.) eine Erweiterung von SQL „Ontology-SQL“ (O-SQL) entwickelt, die es ermöglicht, semantische Ausdrücke zu verwenden, 2.) ein Framework entwickelt, das einen Standardterminologieserver verwendet, um Freitext enthaltende Datenbanktabellen zu annotieren und 3.) ein Parser entwickelt, der O-SQL Ausdrücke in SQL konvertiert, so dass semantische Abfragen direkt an den Datenbankserver weitergeleitet werden können. Ergebnisse Die NBC wurde verwendet, um die Gruppe der Fälle auszuwählen, die ein hohes Vermeidungspotenzial hatten. Die ausgewählte Gruppe stellte 6,0% aller Fälle dar und 60,4% der Fälle innerhalb dieser Gruppe wurden tatsächlich als vermeidbar oder bedingt vermeidbar beurteilt. Die automatische Erkennung von Fehlbildungen ergab einen F1-Wert von 0,94. Darüber hinaus wurde die Verallgemeinerbarkeit des Ansatzes mit verschiedenen semantischen Abfragen nachgewiesen und dessen Güte mit F1-Werten von 0,91 bis 0,98 gemessen. Zusammenfassung Die Ergebnisse zeigen, dass die vorgestellte Methode automatisch anwendbar ist und ein leistungsfähiges und hochsensitives und -spezifisches Werkzeug zur Auswahl potenziell vermeidbarer neonataler Todesfälle und damit zur Unterstützung einer effizienten Einzelfallanalyse darstellt. Die nahtlose Verknüpfung von Ontologien und Standardtechnologien aus dem Datenbankbereich stellt einen wichtigen Bestandteil der unstrukturierten Datenanalyse dar. Die entwickelte Technologie lässt sich problemlos auf aktuelle Daten anwenden und unterstützt das immer wichtiger werdende Feld der translationalen Forschung.
Author and committee
dc:creator, dc:contributor.*- Author dc:creator
-
- Sander, André
Subjects
dc:subject × 3Rights
- Licence dc:rights.uri
- Language dc:language
- ger, eng
Identifiers
dc:identifier.*- Identifier URI
- http://dx.doi.org/10.17169/refubium-27108