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Universität Bielefeld

Geschlechtskörper als soziale Praxis. Eine ethnographische Studie zur Geschlechterdifferenzierung am Beispiel kindermedizinischer Genitaluntersuchungen

Abstract

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Die vorliegende ethnographische Studie untersucht Praktiken der Geschlechterdifferenzierung im kindermedizinischen Feld und fokussiert die Verschränkung von Geschlecht und Körper. Praxisanalytisch zeigt die Studie auf, wie sich in einem professionellen Kontext am Kinderkörper eine heterosexuell verengte Zweigeschlechtlichkeit materialisiert. Die Materialanalysen geben einen Einblick in interaktive Prozesse, in denen die Beurteilung kindlicher Entwicklung unmittelbar mit heteronormativen Geschlechter- und Sexualitätsverständnissen verknüpft ist. <br />Den kindermedizinischen Alltag aus Geschlechterperspektive und im Rahmen eines größeren Forschungskontextes zu erforschen bedeutet, theoriegeleitet und fokussiert vorzugehen. Im Anschluss an die feministische Forschungstradition wurde eine Forschungsperspektive auf die frühe Kindheit eingenommen, die Sozialisation als verkörpertes und verkörperndes „Geschlecht-Werden“ (Tervooren) konzeptualisiert, ohne dabei den Geschlechtskörper zu naturalisieren. Durch diese theoretische und methodologische Ausrichtung lässt sich die Forschungsarbeit an der Schnittstelle von Geschlechter- und Kindheitsforschung als eine erziehungswissenschaftliche Geschlechterstudie verorten. <br />Anknüpfend an der kindheitssoziologischen Kritik wurde danach gefragt, inwieweit das Bild von normaler bzw. auffälliger Entwicklung in der kindermedizinischen Entwicklungsdiagnostik durch implizite Geschlechternormen und -hierarchien vorstrukturiert ist. Am Beispiel der pädiatrischen Genitaluntersuchungen wurden Genitalorgane als physische Markierungen der Geschlechtszugehörigkeit zum Ausgangspunkt genommen, um den Geschlechtskörper im Anschluss an dekonstruktivistische Perspektiven als Effekt sozialer Praktiken aufzuzeigen. <br />Das Geschlecht-Werden in der Frühen Kindheit vollzieht sich in informellen Bildungsprozessen, wie sie sich auch in Kinderarztpraxen beobachten lassen. Die praxisanalytische Rekonstruktion pädiatrischer Genitaluntersuchungen gibt einen umfassenden Einblick in die interaktiven Prozesse, wie der kindliche Geschlechtskörper im Kreuzungsbereich von feldspezifischen Diskursen und Expertenwissen sowie praktischen Herausforderungen der Durchführung situativ formiert wird. Zum einen konnte gezeigt werden, wie eine hierarchisch strukturierte Geschlechterdifferenz in Praktiken reproduziert wird und wie diese Akte zur Verankerung körperbezogener Wissensstrukturen beitragen. Zum anderen konnte die Bedeutung anatomischer Merkmale dargelegt werden, die insbesondere durch die unterschiedlichen diagnostischen Zugriffe auf den genitalen Kinderkörper geschlechterdifferenzierend wirken. <br />Die Erkenntnisse aus den Materialanalysen wurden in einem empirischen Konzept zusammengeführt. Das erarbeitete Konzept der ‚Körpergemeinschaft‘ ist geeignet, den reziproken Prozess zu kennzeichnen, mit dem geschlechtliche und generationale Zugehörigkeiten am Kinderkörper situativ hervorgebracht werden. Mit dem praxisanalytischen Zugang erwiesen sich Zugehörigkeiten als materielle Referenzen des Kinderkörpers. <br />Die vorliegenden Ergebnisse sind an ein kindheitssoziologisch informiertes, sozialisationstheoretisches Interesse am Geschlecht-Werden anschlussfähig, indem sie die Formierung kindlicher Akteurschaft durch binäre Unterscheidungspraxen am Körper in situ aufzeigen. Die praxisanalytische Perspektive auf den kindlichen Geschlechtskörpers als situatives Konstrukt liefert Impulse für die erziehungswissenschaftliche Frage nach Körpersozialisation. Die diskursiven Praktiken bilden eine Art Transfermittel in der heteronormativen Kopplung von Körper, Geschlechtsidentität und Begehren. <br />Die Materialanalysen zu Praktiken der Geschlechterdifferenzierung zeigen exemplarisch feldspezifische Antworten auf die sozialisationstheoretische Grundfrage, wie individuelle Entwicklung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verflochten ist. Die Ergebnisse der Studie geben somit einen Einblick in den Prozess, wie ein medizinisch-entwicklungsdiagnostisch ausgerichteter Präventionsapparat durch geschlechtsdifferenzierende Adressierungen die Körpersozialisation kontextspezifisch vorstrukturiert.

Degree

thesis:*
Level thesis:degree_level
thesis.doctoral
Grantor dc:publisher
Universität Bielefeld
Year
2024

Author and committee

dc:creator, dc:contributor.*
Author dc:creator
  • Jancsó, Julia

Identifiers

dc:identifier.*
Repository record source_url
https://pub.uni-bielefeld.de/record/3000479
OAI identifier oai:identifier
oai:pub.uni-bielefeld.de:3000479

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source
Harvested from
Universität Bielefeld
Base URL
pub.uni-bielefeld.de/oai
Last updated
2026-07-27
Source record
OAI-PMH GetRecord
citation

Jancsó, Julia. Geschlechtskörper als soziale Praxis. Eine ethnographische Studie zur Geschlechterdifferenzierung am Beispiel kindermedizinischer Genitaluntersuchungen. thesis.doctoral thesis, Universität Bielefeld, 2024. https://pub.uni-bielefeld.de/record/3000479