Universität Bielefeld
Immanenz im Pädagogischen – Pädagogische Immanenz. Versuch einer Alternative zur Pädagogik der Aufklärung
Abstract
dc:description.abstractAlternativen zur Pädagogik der Aufklärung? Vorwort zu Sven Wiesreckers Plädoyer für eine Aufhebung der Pädagogik der Transzendenz als einer Pädagogik der Widersprüche Die der vorliegenden Studie zugrundeliegende Forschungsfrage ist Irritation und Provokation zugleich: „Ist die Annahme, Bildung bedürfe einer transzendenten Sicherheit, wirklich alternativlos?“ (S. 1) Motiviert ist die Analyse durch die Annahme, dass die aufklärerische Tradition im Anschluss an Kant und des-sen Adaption im antinomischen Denken bei Helsper problematisch ist, ja „diese Antinomien fatal für die ge-genwärtige Pädagogik sind.“ (S. 12) Diese radikale Absage an das herkömmliche pädagogische Denken der Auf-klärung stellt für sich genommen eine nicht nur provokante, sondern angesichts der langen Denktradition auch stark begründungsbedürftige These dar. Damit ist ein hoher Anspruch an diese Studie gesetzt – der sehr gut eingelöst wird. Ausgangspunkt ist – wie wahrscheinlich bei jeder guten (bildungs-)philosophischen Frage – zunächst die Ver-wunderung über das Bestehende: „Dieser Umgang mit Widersprüchen sollte stutzig machen: Die Pädagogik der Transzendenz ist eine Pädagogik der Widersprüche – und sie ist sich dessen sogar bewusst.“ (S. 22) Im An-schluss an Alfred Schäfer und dessen Kritik am Widersprüchlichen formuliert Wiesrecker auch seine Alternative zur Transzendenz: „Wenn das bildungsphilosophische Fundament[e] der Pädagogik aber ein kritikfreier Raum ist, besteht die Ge-fahr des Stillstands in einer sich verändernden Welt. Die von Helsper erwähnten Antinomien zeigen Brüche im bildungsphilosophischen Fundament der Transzendenz. Ich möchte daher dazu ermutigen, die durch die Antino-mien der Pädagogik aufgeworfene Kontingenz nicht gleich wieder aufzugeben, sondern ihr nachzugehen. Ist das Erbe der Aufklärung, welches uns bis heute als bildungsphilosophisches Fundament für den Bau unserer Schulen dient, wirklich alternativlos?“ (S. 26) Die den zitierten Passus abschließende Frage ist unschwer als rhetorische zu erkennen – zumal, wenn in post-strukturalistischer Manier Offenheit und letztgültige Unbestimmbarkeit axiomatisch gesetzt sind. So radikalisiert der Autor seine Kritik mit Rekurs auf Spinoza: „Außerhalb des Hier und Jetzt gibt es für Spinoza keine Welt, weder eine metaphysische Überwelt noch eine zeitliche Vor- oder Nachwelt. Die Philosophie Spinozas ist onto-logisch eine radikale Gegenwartsphilosophie […],“ (S. 31) Offen wäre – in einer noch weiteren Radikalisierung – die Frage, inwiefern hieraus notwendig eine solcher Kritik an einer vermeintlichen Empirie sowie einer vermeintlichen Metaphysik folgt, oder nicht vielmehr im Sinne eines Einheitsdenkens alternativ auch eine Radikalisierung der Tanszendenz i.S.v. Jane Roberts Klassiker „Die Natur der persönlichen Realität“ möglich wäre. Die akademische Kant-Interpretation wäre damit ggf. einfach verfehlt, da sie Kants Argument von den „Anschauungsformen Raum und Zeit“ nicht ernst genug nimmt, d.h. jenseits dieser „Anschauungsformen“ eben genau das gleiche radikale „Hier und Jetzt“ des Spinoza gelten würde. Und ob man dies nun „meta-physisch“, also in der typischen Auslegung der aristotelischen Begrifflichkeit (= hinter dem Physischen), oder das altgriechische „meta“ nicht vielmehr als ein „hindurch“, also „durch das Phy-sische hindurch“ interpretiert, wäre dann eine offene Frage, die eben auch andere Reinterpretationen der klassi-schen Transzendenzphilosophie jenseits der gängigen Lesarten sowie ex negativo der poststrukturalistischen Kritik zuließe. Die eigene Positionierung des Autors Wiesrecker erfolgt allerdings im Kontext poststrukturalistischer Diskurse. Damit ist eine gut explizierte und nachvollziehbare Verortung vorgenommen – zumal sie gut argumentiert wird. Zugleich ist natürlich jede Form der Selbstverortung – das würde der Autor sicherlich auch nicht dementieren – nicht alternativlos. Aus anderen Denksystemen kommend ließe sich so etwa fragen: In welcher Relation steht diese Aufklärungskri-tik zur Dialektik eines Hegel oder einer „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno & Horkheimer). Hier wäre zu unter-suchen, inwiefern das Antinomische bei Helsper in dieser Form einer Kritik unterzogen werden muss, oder ob nicht auch ein „dialektischer Ausweg“ offen stünde, der allerdings zugegebenermaßen von der Pädagogik der Aufklärung selten beschritten wird – insbesondere von der akademischen. Zu stark scheint hier doch noch die latente Hoffnung auf analytische Klarheit und Widerspruchsfreiheit, die dann psychologisch gesprochen zur „Identifikation mit dem Aggressor“ (Freud) führt: also der Akzeptanz des Widersprüchlichen als Widersprüchli-chem. Auch alle weiteren von Wiesrecker herangezogenen Referenzautor:innen (von Nietzsche über Foucault über Arendt bis hin zu Biesta) sind in ihrer Individuierung natürlich ebenso dazu gezwungen, eine Position zu bezie-hen. Der ontologischen Frage ist damit in Studien dieser Radikalität nie zu entkommen – wie auch der Autor einräumt: „Spinozas Überlegungen stehen im Kontext seiner Ontologie, Ethik und politischen Philosophie. Spinoza war kein Bildungsphilosoph. Der Versuch dieser Arbeit besteht darin, ihn dennoch als solchen zu lesen“ (S. 43) Diese „Lesart“ Wiesreckers überzeugt durch die multiperspektivische Verschränkung theoretischer Perspektiven und Positionierungen. Studien, die eine solche gedankliche Vielschichtigkeit aufweisen, sind selten. Nicht verwunderlich, dass eine solche multiperspektivische Vielschichtigkeit auch zu alternativen Deutungen anregt. So etwa, wenn Wiesrecker argumentiert: „Wenn Spinoza recht hat, lautet die Nachricht: Die Menschen haben ihr Schicksal selbst in der Hand. Es gibt keinen Verlass auf einen die Welt umfassenden Universalismus, der eine kontinuierlich steigerbare Autonomie verspricht.“ (S. 69) Eine alternative Antwort bestünde aus der Perspektive eines radikalen Konstruktivismus des Bewusstseins jedoch darin, dass es gar nicht die Notwendig-keit für eine kontinuierliche Steigerung der Autonomie des Menschen gibt, weil er immer schon seine komplette Wirklichkeit erschafft, d.h. bereits immer schon vollständig autonom „ist“! Es ist lediglich das klare Bewusst-sein davon, das ihm fehlt. Martin Heinrich Universität Bielefeld im Dezember 2024
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- master
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- Universität Bielefeld
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- Wiesrecker, Sven
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